Immer noch Gänsehaut-Gefühle

Immer noch Gänsehaut-Gefühle

Ende einer Ära am Angela-Merici-Gymnasium: Nach 14 Jahren wechselt Schulleiter Wolfgang Müller als Bereichsleiter Schule zum Bistum Trier. In seiner Direktoren-Zeit wandelte sich die katholische Mädchenschule vom einstigen "Nonnenbunker" zu einem der Vorzeigegymnasien der Region.

Trier. Es gibt Momente, die Wolfgang Müller besonders vermissen wird. Zum Beispiel die Einführung der neuen Schüler, bei der jeder einzelne Neuling von seinen auf mehreren Etagen versammelten Mitschülern mit Stadion-Jubel begrüßt wird. Oder die Konzerte mit vielen musikalischen Sternstunden auf höchstem Niveau. Oder die "Statio" genannten Zusammenkünfte der Schulgemeinschaft, die die Möglichkeit bieten, auf aktuelle Ereignisse zu reagieren. Da registriert der Chef "Gänsehaut-Gefühle, auch nach 14 Jahren".

Demnächst im Generalvikariat wird es nüchterner zugehen. Müller muss sich statt mit einer Schule mit deren 20 beschäftigen. Und hofft darauf, trotzdem nie ein Bürokrat zu werden. "Schnellere Entscheidungswege" nimmt er als Wunsch des Schulleiters Müller an den künftigen Organisationschef Müller mit.

Dabei wirkt der 56-Jährige auf den ersten Blick eher verbindlich als entschieden. Seine allzeit angewendete und stets von einem Lächeln begleitete Begrüßungsformel "Ich grüße Sie freundlich" hat in der Schule Kult- (und gelegentlich auch Parodie-) Charakter.

Es macht nicht den Eindruck, als müsse er laut werden, um sich Gehör zu verschaffen. Wer daraus auf mangelnde Durchsetzungsfähigkeit schließt, liegt falsch. Auch hinter Sanftheit kann Autorität stecken.

"Aber der Ton muss stimmen", gibt Müller als Devise für die ganze Schule aus. Mit Druck erreiche man wenig, "schließlich bin ich draußen, wenn der Lehrer für 45 Minuten die Tür zumacht".

Hartnäckig hält sich die Fama, dass er jede der 840 Schülerinnen namentlich kennt. "Leider nicht", bekennt er ehrlich, zu solchen Gedächtnisleistungen seien allenfalls Amtsvorgängerinnen wie Schwester Dorothea in der Lage gewesen. Und doch wirkt es, als ob ihm jedes einzelne Schüler-Schicksal am Herzen liegt. Was Eltern das beruhigende Gefühl verschafft, ihre Töchter seien gut behütet, hingegen von den Betroffenen je nach Alter nicht nur mit Begeisterung aufgenommen wird.

Mit dem hartnäckig anhaftenden Klischeebild vom "Nonnenbunker" AMG hat Müller mächtig aufgeräumt. In seine Start-Zeit Mitte der 90er Jahre fiel der Trägerwechsel vom Ursulinen-Orden zum Bistum.

Erster "Zivilist" auf dem Rektoren-Stuhl



Er war der erste Mann und der erste "Zivilist" an der Schul-Spitze. Gelernter Deutsch- und Religionslehrer, aber auch studierter Theologe und Pastoralreferent beim Bistum, musste er am AMG mit Kollegen, Schülern und Eltern nach dem Auszug des Ordens erst einmal ein Selbstverständnis erarbeiten. Mit Zielen wie "Mut machen zum eigenen Weg" und "Einmischen aus sozialer Verantwortung" setzte man auf durchaus emanzipatorische Inhalte.

Dass man sich entschloss, Mädchenschule zu bleiben, war Ergebnis eines "fast parlamentarischen" (Müller) Prozesses aller Beteiligten. In Kirchenkreisen hätte man eine Öffnung für Jungs gar nicht ungern gesehen - fehlt doch ein entsprechendes katholisches Angebot in der Region. Aber die AMG'ler(innen) wollten mehrheitlich ihr einmaliges Profil behalten.

Als künftiger Schul-Chef hinterm Dom könnte es auf den Vater dreier Kinder zukommen, die gleiche Diskussion aus der entgegengesetzten Warte zu führen. Aber so lange die Schülerzahlen sich positiv entwickeln, wird ihm dieses Problem wohl erspart bleiben. 200 Schülerinnen hat das AMG seit seinem Amtsantritt hinzugewonnen - wie er nicht ohne Stolz vermerkt. Ebenso wie die Tatsache, dass die Zeiten längst vorbei sind, wo seine Schülerinnen im Bus oder im Bekanntenkreis bei der Frage nach ihrer Schule herumdrucksten.

Seinem Nachfolger Mario Zeck, der aus Saarbrücken ans AMG zurückkehrt, kann er seinen Schreibtisch direkt übergeben. Luxus in Zeiten, da längere Vakanzen bei Schulleiterstellen üblich geworden sind. Und eine Bestätigung für Müllers These, dass es "ein großes Glück ist, am AMG Schulleiter zu sein".