Immer wieder Klinken putzen

TRIER. Einzelhändler, die nicht in den 1a-Lagen der City residieren, müssen einiges tun, um die Kundschaft auf sich aufmerksam zu machen. Wer gemeinsam aktiv wird, statt die Flinte ins Korn zu werfen, kann sein Schicksal positiv beeinflussen. Als Musterbeispiel in Trier gilt die Neustraße.

An schönen Tagen hat die schmale, lang gezogene Gasse fast mediterranen Flair. Die Straßengemeinschaft hat für grüne Akzente gesorgt, Cafés und Restaurants stellen die Stühle vor die Tür, Schüler und Einkäufer flanieren an den Schaufenstern vorbei und genießen ein Angebot, das in dieser Breite seinesgleichen sucht.Bunter Branchenmix, gleiche Zielgruppe

Boutiquen mit Klamotten jenseits des Massengeschmacks, esoterisch angehauchte Läden, Kunsthandel, Schmuck und Accessoires, Öko- und gesundheitsfreundliche Produkte, Spezialbekleidung, Kinder- und Babysachen, dazu gastronomische Angebote von Indisch über Türkisch bis Japanisch: Die Neustraße ist für Überraschungen gut. "Wir haben völlig unterschiedliche Branchen, aber eine gemeinsame Zielgruppe", sagt Rudolf Berg, Inhaber eines Schuhgeschäftes und Aktivist der ersten Stunde in der Interessengemeinschaft Neustraße. Vor vier Jahren bot sich ein völlig anderes Bild. Nach fünfjährigen Bauarbeiten an Straßenbelag und Pflasterung lagen die Nerven bei vielen Geschäftsleuten blank - und die Umsätze im Keller. Aber die Dauer-Baustelle, sagt Rudolf Berg heute, habe sich gelohnt. Der Umbau zu einer verkehrsberuhigten Zone ohne Bürgersteige "hat uns gewaltig geholfen". Die Straße konnte einen neuen Charakter entwickeln, gilt heute vielen Einkaufswilligen als Lieblings-Shopping-Zone. Doch der Erfolg ist nicht nur den verbesserten äußeren Bedingungen zu verdanken. "Es war ein harter Kampf", erzählt Aloysia Melchior vom Spielwarengeschäft "Kreisel". Die Händler in der Neustraße kurbeln durch gemeinsame Initiativen immer wieder die Entwicklung an. Das Neustraßenfest lockt ebenso Publikum wie die attraktive Grün-Deko, schick gestaltete Schaufenster oder Kunden-Events. "Bei uns ist viel vor den Türen los", sagt Aloysia Melchior. Möglich wird das Engagement, weil der Organisationsgrad in der Interessengemeinschaft sehr hoch ist. Vor allem die Händler im von der Fußgängerzone abgewandten Teil haben früh kapiert, dass sie aktiv werden müssen, wenn sie ihr Kundenpotenzial aktivieren wollen. Aber inzwischen, so hat Melchior beobachtet, "steigen auch die Geschäfte in der oberen Neustraße immer mehr zu." Nur die Gastronomen beteiligen sich kaum an der Arbeit der Initiative, obwohl auch sie vom Imagegewinn der Neustraße profitieren. "Man muss immer wieder Klinken putzen", erklärt auch Rudolf Berg. Wichtig sei, "dass man nicht nur auf den kurzfristigen Umsatz schaut". Gerade hat er 30 Händler zusammengetrommelt und eine Internet-Homepage ( www.neustrasse-trier.de) kreiert - die erste Trierer Straßenpräsenz im Internet, wie er stolz vermerkt. Kein Wunder, dass die jüngere Zielgruppe überproportional vertreten ist. Auch die Schülerinnen des Angela-Merici-Gymnasium "beleben das Straßenbild", freut sich Berg."Die Leute meinen, da sei die Welt zu Ende"

Um so ärgerlicher, dass die vielfältigen Bemühungen der Anlieger an der Ecke Kapuzinergasse konterkariert werden. Wer von der Fußgängerzone aus in Richtung Trier-Süd wandert, stößt am Abzweig zum Viehmarkt auf ein Ensemble aus leeren, verschmutzten Schaufenstern, einem Sexshop und dem Schandfleck der ehemaligen Gaststätte Jenny Kasper. "Die Leute meinen, da wäre alles zu Ende", sagt Berg, "das ist das größte Problem der Straße". Auch sonst stehen noch einige Punkte auf der Wunschliste der Interessengemeinschaft. Berg sähe den Römer-Express gerne durch die Neustraße touren, Melchior wünscht sich bessere Hinweisschilder, die den Autofahrern deutlich machen, dass Schrittgeschwindigkeit angesagt ist. Auch die bürokratischen Hemmnisse bei Aktionen und Events sind den Händlern ein Dorn im Auge. Alles Anliegen, die sich an die Stadtverwaltung richten. "Ein bisschen mehr Gesprächsbereitschaft würde uns freuen", sagt das Führungs-Duo der Interessengemeinschaft unisono.