In der Forschungsarbeit der Trierer Historikerin Hiltrud Merten spielt St. Maximinus weiterhin eine zentrale Rolle.

Regionalgeschichte : St. Maximin - Der „zweite Mann“ bleibt in der Familie

In der Forschungsarbeit der Trierer Historikerin Hiltrud Merten spielt St. Maximinus weiterhin eine zentrale Rolle.

Hiltrud Merten (63) ist seit 35 Jahren verheiratet – „und das nach wie vor sehr glücklich“, wie sie glaubhaft beteuert. Dennoch gibt es neben Gatten Jürgen Merten (62) gewissermaßen einen „zweiten Mann“ in ihrem Leben. So richtig viel weiß man nicht über den. Klar ist: Er heißt Maximinus – und er weilt seit fast 17 Jahrhunderten nicht mehr unter den Lebenden. Besagter Maximinus ist in Trier besser bekannt unter seinem nicht-lateinischen Namen: Maximin. Unter dem taucht er an vielen Ecken und Enden auf. Maximinkirche, Maximinstraße, Maximinschule. Aha, einer der legendären Regionalheiligen, so wie Paulin oder Simeon. Dass Maximin im Leben von Hiltrud Merten eine bedeutende Rolle spielt, liegt vor allem an ihrem Beruf. Sie ist Althistorikerin und Epigrafikerin, also Spezialistin für In- und Aufschriften. Und da liefert Maximin reichlich Forschungsstoff.

Maximinus, Bischof von Trier in den Jahren 329 bis 346, war so populär, dass nach seinem Tod ein regelrechter Kult um sich griff. Die Christen der Kaiserstadt strebten danach, möglichst nah an seinem Grab beigesetzt zu werden. Davon erhofften sie sich die Fürsprache des Heiligen am Jüngsten Tag. Über dem beliebten Bestattungsort auf dem nördlichen Gräberfeld des römischen Trier entstand eine 100 Meter lange und 30 Meter breite, prachtvoll ausgestattete Halle für Begräbnisse, in der sich die Steinsärge dicht an dicht reihten.

Bei von Adolf Neyses geleiteten archäologischen Grabungen von 1978 bis 1990 zeigte sich: Die Maximinkirche steht auf 1000 Sarkophagen. Der heute 90-jährige Neyses entdeckte überdies knapp 300 Grabinschriften, viele davon komplett erhalten, die erst einmal in Fundkisten landeten. Da würden sie wohl noch heute lagern, hätte es nicht ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziertes Projekt der Uni Trier unter Leitung von Lukas Clemens und Christoph Schäfer gegeben. „Ich war wie elektrisiert, als mir die Untersuchung der Inschriften anvertraut wurde“, erinnert sich Hiltrud Merten. Besonders fasziniert sei sie vom Detailreichtum des in Marmor Gemeißelten gewesen, der sich oft erst auf den zweiten Blick und überdies auch an Mini-Fragmenten erschließe.

Für die Forscherin tat sich eine versunkene Welt auf. Die 300 Maximiner Inschriften, überwiegend aus der Zeit vom 4. bis 8. Jahrhundert – sind vorzügliche Quellen für das Leben und Sterben der Trierer am Übergang von der Spätantike zum frühen Mittelalter. Der reichen Trierer, wohlgemerkt, denn: „Eine Grabstätte auf  Maximiner Areal war eine kostspielige und exklusive Angelegenheit, die sich nur die High Society leisten konnte.“ Und aus Prestigegründen auch leisten wollte.

Die 2011 gestartete Erforschung der Fundstücke bescherte Hiltrud Merten überraschende Erkenntnisse. „In den Inschriften auftauchende fremde Wort- und Bildelemente zeigen, dass Trier bis zum Ende des 4. Jahrhunderts Zuwanderer aus entfernten Gegenden des römischen Imperiums anzog.“ Die Maximiner Funde von 1978 bis1990, die mehr als ein Viertel aller 1300 bislang entdeckten frühchristlichen Inschriften Triers ausmachen (nur in Rom und Karthago gibt es mehr), beinhalten auch ganz Neues: „Erstmals ist für Trier die Anrufung von Märtyrern zur Hilfe für die Seele von Verstorbenen belegt.“ Auch nach dem Ende der Römerherrschaft im 5. Jahrhundert boomte das Christentum ganz offensichtlich: Immer häufiger tauchen germanische Namen auf den Grabinschriften auf.“

Ein „echtes Highlight“ für Hiltrud Merten ist die Inschrift für eine Frau namens Urania, die um das Jahr 500 gestorben ist: „Darauf wird anderthalb Jahrhunderte nach seinem Tod Bischof Maximinus namentlich erwähnt. Seinem Geist wird Urania anvertraut. Es ist der früheste Beleg seiner Verehrung als Heiligem am Ort seiner Grabstätte.“

Weitere Erkenntnis: Schon im ersten Jahrtausend hielten die Trierer gerne an dem fest, was sie kannten. Während in Gallien nach 450 neue Inschriften-Elemente und Ornamente entwickelt wurden, bleibt es in Trier bei den alten Mustern – fast 300 Jahre lang. „Diese Stagnation führte dazu, dass die Stadt und der Moselraum eine ,Insellage’ einnahmen“, sagt Hiltrud Merten. „Erst im 8. Jahrhundert öffnet Trier sich allmählich wieder äußeren Einflüssen, die im Zuge des Aufstiegs der karolingischen Dynastie den Beginn einer neuen Epoche markieren.“

Maximinus sei Dank: Die frühchristlichen Grabinschriften werfen ein Schlaglicht auf das Leben wohlhabender und privilegierter Familien. Krankheit, Tod und die Trauer über den Verlust geliebter Menschen können anhand der genannten Namen mit bestimmten Personen verbunden werden.

Mit der Auswertung der Funde, über die sie in dem Buch „Die frühchristlichen Inschriften aus St. Maximin bei Trier“ berichtet, schließt sich für die 63-Jährige der  Kreis gewissermaßen: „Den Großteil meiner Schulzeit habe ich auf dem Maximin-Gelände verbracht, wo das Ursulinengymnasium – bis zum Umzug Ende 1972 in den Neubau –  in der Neustraße untergebracht war. Damals wusste ich natürlich nicht, dass ich später einen sehr engen persönlichen und beruflichen Bezug zu der Örtlichkeit haben würde.“

Maximinus wird auch weiterhin eine zentrale Rolle im Leben von Hiltrud Merten spielen. Sie arbeitet schon wieder in einem DFG-Projekt. Thema: Frühchristliche Bestattungstraditionen in Spätantike und frühem Mittelalter; erneut geht es um Fundmaterial aus St. Maximin. Außerdem ist Hiltrud Merten Mitglied einer Arbeitsgruppe, die den Part des (bischöflichen) Museums am Dom an der 2022er Landesausstellung „Der Untergang des Römischen Reiches“ in Trier vorbereitet. Auch darin dürften die reichhaltigen spätrömischen/frühchristlichen Hinterlassenschaften aus St. Maximin eine bedeutende Rolle spielen.

Der Gatte kann gut mit dem „zweiten Mann“ leben: „Der gehört quasi zur Familie“. Jürgen Merten, selbst Wissenschaftler, leitet die Bibliothek und ist Chefredakteur der Veröffentlichungen des Rheinischen Landesmuseums. Am Donnerstag, 14. Februar, spricht er in der Vortragsreihe der Gesellschaft für nützliche Forschungen über den Plan der Nationalsozialisten, im Kurfürstlichen Palais in einem „Großmuseum“ alle archäologischen und kunsthistorischen Sammlungen Triers zusammenzufassen und auch Kunstwerke aus dem besetzten Luxemburg dorthin zu überführen (19 Uhr, Landesmuseum, Eintritt frei).

Der Katalogband „Die frühchristlichen Inschriften aus St. Maximin bei Trier“ ist erschienen im Selbstverlag des Museums am Dom und kostet 39 Euro.

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