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In Schuluniform zur großen Prüfung

In Schuluniform zur großen Prüfung

Elisa Limbacher und Andreas Lehrfeld leben und studieren ein Jahr in Triers neuer Partnerstadt Xiamen. Im fünften Teil unserer Serie "E-Mail aus Xiamen" berichten die beiden über das chinesische Bildungssystem. Wer im auf Leistung ausgelegten Schulsystem die "hohe Prüfung" am Ende der Oberstufe bestehen will, muss vor allem eins: auswendig lernen.

Xiamen. Drill, Verbote und schier unendliches Wiederholen, bis der Lernstoff sitzt: Der Erziehungsstil, den die chinesischstämmige US-Amerikanerin Amy Chua in ihrem Buch "Die Mutter des Erfolgs: Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte" propagiert, hat auch in Deutschland für so manche Debatte gesorgt.
Tatsächlich hat die "Tigermutter" in ihrem Buch - vereinfacht gesagt - ihre persönlichen Erziehungsansichten in die chinesische Lehrtradition eingereiht. Ihre harten Methoden, ihren Kindern zu Erfolg in der Schule und beim Musikunterricht zu verhelfen, gipfeln in Verboten, während mehrstündiger Klavierübungen zur Toilette zu gehen, und der Androhung, sämtliches Spielzeug der Kinder zu vernichten.
Blick auf harten Bildungsalltag


Doch gehören solche Praktiken in China tatsächlich zum Erziehungs- und Bildungsalltag? Oder übersteigert Amy Chua ihren angeblich asiatischen Erziehungsstil in ein Extrem, das es so in China gar nicht gibt? Auf den Grund gehen können wir dieser Frage in diesem Artikel nicht. Aber ein Blick auf den chinesischen Bildungsalltag gewährt schon so manche Einsicht:
Hier in Xiamen wohnen wir - zu unserem Glück - in direkter Nachbarschaft zu einem Kindergarten. Täglich können wir die Morgengymnastik und den Tagesablauf der Kinder mitverfolgen. Die meisten - besonders, wenn beide Elternteile arbeiten - besuchen vier Jahre lang den Kindergarten. Beschallung mit klassischer Musik aus Lautsprechern und eine routinemäßige Überprüfung der Kinder durch eine Medizinerin sind dabei inklusive. Nachmittags versammelt sich dann eine enorme Menschentraube aus Eltern, Großeltern und Schaulustigen, um die Kleinen abzuholen, was grundsätzlich zu einem Verkehrsstau führt. Die Schulen in der direkten Umgebung haben zur gleichen Zeit Unterrichtsschluss, so wird das Verkehrschaos noch verstärkt.
In China werden Kinder in der Regel mit sechs Jahren eingeschult. Die Schulpflicht beträgt neun Jahre, die unterteilt sind in sechs Jahre Grundschule und drei Jahre Mittelstufe.
Staatliche Schulbildung ist wie in Deutschland grundsätzlich kostenlos, nur für Lehrmaterialien fallen Gebühren an (in Xiamen sind das etwa umgerechnet 43 Euro pro Jahr).
Es gibt aber auch einen sichtbaren Unterschied zum deutschen System: Schuluniformen. Jeden Morgen sieht man überall in der Stadt Schülermassen in hauptsächlich weißen Trainingsanzügen, die je nach Schule in Farbe und Muster variieren.
Wer nach der Mittelstufe die Oberstufe besuchen will, muss eine Aufnahmeprüfung absolvieren, die sogenannten Zhongkao ("mittlere Prüfung"). Alternativ können die Schüler eine Ausbildung beginnen oder eine zwei- bis vierjährige Berufsfachschule besuchen.
Hoher Lerndruck


Am Ende der Oberstufe, die drei Jahre dauert, müssen sich die Schüler der Gaokao, der "hohen Prüfung", stellen. Die Gaokao, bei der vorrangig auswendig gelerntes Schulwissen abgefragt wird, ist die formelle Voraussetzung für ein Hochschulstudium. Voriges Jahr nahmen etwa 9,5 Millionen Schüler an der Gaokao teil. Demgegenüber standen nur gut 6,5 Millionen freie Studienplätze.
In der "hohen Prüfung" gipfelt der gesamte Druck, der schon von Kindesbeinen an auf den Schülern lastet. In der Regel Einzelkind, werden über die Jahre große Erwartungen und Geld seitens der Familie in sie investiert - ein Scheitern bedeutet einen enormen Gesichtsverlust und ist eine große Enttäuschung.
Die hohe Erwartungshaltung ist indirekt auch ein Grund dafür, dass es vergleichsweise schwierig ist, chinesische Freunde an der Universität zu gewinnen. Denn der Druck lässt mit der Gaokao keineswegs nach - auch an der Universität (die, im Gegensatz zur Schullaufbahn, seit 1985 gebührenpflichtig ist) sind die Studenten sehr ehrgeizig und daran interessiert, einen guten Abschluss zu erreichen. Anders als noch vor Jahren kommt ein Universitätsabschluss im heutigen China nämlich keinesfalls einer Jobgarantie gleich.
Das chinesische Bildungssystem ist darauf angelegt, die Besten zu fördern - was sich vor allem darin ausdrückt, dass man mit den besten Prüfungsergebnissen am ehesten Zugang zu den Eliteuniversitäten erhält. So ist es wiederum nur verständlich, dass Eltern Höchstleistungen aus ihren Kindern herausholen wollen und sie zu der Einstellung erziehen, das Bestmögliche erreichen zu wollen. Und obwohl einige Universitäten bereits eigene Aufnahmeprüfungen anbieten, bleibt es für die meisten Schüler und Studenten bei einer nicht bestandenen "hohen Prüfung" bei dem klassischen ersten Satz aus den Lunyu, den Gesprächen des Konfuzius (551 bis 479 vor Christus): "Lernen und fortwährend üben: Ist das denn nicht auch befriedigend?"CHINESISCHE METROPOLE


Xiamen ist eine Küstenstadt im Südosten der Volksrepublik China. Das Zentrum der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt liegt auf einer dem Festland vorgelagerten Insel. Die Stadt gehört zu den Wirtschaftszentren des chinesischen Küstengebiets und wurde vor kurzem zur saubersten Stadt Chinas gewählt. Xiamen wurde seit 1541 von Europäern als Handelshafen genutzt und war im 19. Jahrhundert der Hauptexporthafen für Tee. Es gibt mehrere führende Universitäten, so betreibt die Xiamen University das Konfuzius-Institut an der Uni Trier (Quelle: Wikipedia). Der Vertrag zur Städtepartnerschaft zwischen Trier und Xiamen wurde am 11. November 2010 in Trier formell besiegelt. Die 2008 gegründete Deutsch-Chinesische Gesellschaft Trier pflegt die Partnerschaft ( www.dcg-trier.de). Es gibt aber auch kritische Stimmen, denn in Xiamen gibt es eins der vielen chinesischen Arbeitslager für Strafgefangene unter dem Motto "Umerziehung durch Arbeit". red