In Weimar ist die Hölle los

In Weimar ist, so nimmt man es gemeinhin an, die Kultur zu Hause. Doch in der Goethe- und Schillerstadt herrscht zurzeit allenfalls die Kultur des Hauen und Stechens, jedenfalls in der Politik. Und Anlass dafür ist - die Kultur. Doch die Ursachen liegen tiefer.

Weimar. "Es ist schon schlimm, wenn man das mit ansieht". Der Mann, der das sagt, ist nicht nur Weimar-Kenner, sondern sogar Ehrenbürger der Thüringer Kultur-Metropole. Vielleicht will sich Helmut Schröer deshalb auch nicht über Details äußern. Aber dem Trierer Alt-OB und regelmäßigen Weimar-Besucher geht das Polit-Drama in der Partnerstadt sichtlich an die Nieren.

Im Mittelpunkt steht Oberbürgermeister Stefan Wolf. Seit 2006 amtiert der Sozialdemokrat, und schon seine Direkt-Wahl durch die Bürger glich einem Kuriosum. Angesichts der Bedeutungslosigkeit der SPD in Weimar - sie stellt fünf der 42 Ratsmitglieder - hatte niemand dem Mittvierziger eine Chance eingeräumt.

Gewählt, um Schlimmeres zu verhindern



Doch der Beigeordnete für Wirtschaft und Bauen schaffte es mit 27 Prozent unter einer ganzen Bewerber-Schar in die Stichwahl und traf dort auf den Kandidaten des konservativen, schwer berechenbaren Bürgerbündnises "Weimarwerk". Flugs sammelte sich alles links von der Mitte nebst ein paar versprengten CDUlern hinter Wolf und verschaffte dem wenig geliebten Juristen eine Mehrheit - um aus ihrer Sicht Schlimmeres zu verhindern.

Seither ist Dampf im Weimarer Kessel. Wolf muss seine Klientel bedienen, die Grünen nicht vergrätzen, mit einer konservativen Mehrheit im Stadtrat regieren. Eine kaum lösbare Aufgabe. Als noch weit problematischer erwies sich der hemdsärmelig-autoritäre Führungsstil, den viele im Rathaus dem ehemaligen Staatsanwalt ankreideten.

Dazu kommt, dass Wolf als Aushängeschild der stolzen Kulturstadt Weimar nicht immer die beste Figur macht. Anders als sein trotz DDR-Vergangenheit höchst populärer Amtsvorgänger Volkhardt Germer, der gerne als belesener Feingeist glänzte.

Das spürbar wachsende Unwohlsein in Weimar explodierte vergangenen Monat, als kurz hintereinander zwei höchst unpopuläre kulturpolitische Entscheidungen die Stadt erschütterten.

Statt Goethe Dali in Weimar



Zunächst wurde das "Haus der Frau von Stein", ein Goethe-Memorabilium von hohem Symbolgehalt, zugunsten der klammen Stadtkasse an einen spanischen Investor von eher mittelprächtigem Ruf verkauft. Der will dort ausgerechnet eines der allfälligen Dali-Museen eröffnen.

Prompt hagelte es Kritik aus der ganzen Republik, renommierte Weimar-Preisträger gaben ihre Ehrung zurück, Bürger protestierten. Doch das war nur ein laues Lüftchen gegen den Sturm, der sich erhob, als Wolf sich aufmachte, den erfolgreichen Nationaltheater-Intendanten Stephan Märki abzusägen - gemeinsam mit CDU-Rechtsaußen Peter Krause, gegen dessen geplante Berufung zum Thüringischen Kulturminister Märki öffentlich protestiert hatte.

Mit schrägen Winkelzügen brachte man die geplante Vertragsverlängerung für den Intendanten zum Platzen - und dann platzte den Bürgern der Kragen. Sie schöpften den Verdacht, es gehe mehr um die Rache als um die Sache.

Unterschriftenlisten, Demonstrationen, Bürgerforen, dazu ein verheerendes bundesweites Echo über die Weimarer "Provinzposse": Da geriet Wolf ins Schlingern. Vor dem Nationaltheater, wo er am 3. Oktober sprechen wollte, wurde er von gutbürgerlichen Demonstranten förmlich an die Wand geschrien. Die Kultur-Initiative Thüringen warf Wolf "Amtsmissbrauch" vor und forderte seinen Rücktritt. Flugs machte er einen Rückzieher, versöhnte sich mit Märki. Parallel zerbrach die Rats-Koalition aus CDU und Weimarwerk, weil die Bürgerliste den Anti-Märki-Kurs nicht mittragen wollte.

Seither ist in Weimar die Hölle los. Die Lokalpresse feuert Breitseite um Breitseite auf den OB. Kleingeistigkeit, Sturheit, Eitelkeit, Intrige, Ignoranz macht die "Thüringer Allgemeine" im Rathaus aus. Die Konkurrenz von der Thüringer Landeszeitung spekuliert gar offen über persönliche Beziehungen zwischen dem OB und zwei leitenden Rathaus-Mitarbeiterinnen, spricht anzüglich vom "nebulösen Verhältnis" und vom "Damen-Duo, das mit dem Duodez-Fürsten ein Trio bildet".

"Polit-Lumperei" einer "ganzen Bande"



TLZ-Chefredakteur Hoffmeister geißelt per Online-Kommentar "Polit-Lumpereien auf erbarmungswürdigstem Niveau" seitens "den Krauses und Wolfens und ihrer ganzen Bande". Im gedruckten Blatt werden "die schlecht sitzenden Anzüge und das schlampig gepflegte Schuhwerk" angeführt, "mit denen dieser Mann durch die Gegend stakst", ebenso wie "seine unterirdische Fähigkeit, vor Publikum eloquent zu reden". Der Krieg um Wolf ist in vollem Gang. Am liebsten zitiert man in Weimar derzeit Goethes Faust, Teil 1: "Nein, er gefällt mir nicht, der neue Bürgermeister. Nun, da er's ist, da wird er täglich dreister".