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Interview Detlef Placzek: Opferbeauftragter: So helfen wir nach der Trierer Amokfahrt

Interview mit Detlef Placzek : Opferbeauftragter: So helfen wir nach der Trierer Amokfahrt

Der 63-Jährige spricht über kostenlose Hotline, Therapien, Entschädigungen, Lehren aus dem Berliner Breitscheidplatz und einen Anruf aus Ramstein.

Die schreckliche Amokfahrt von Trier ist vielen Menschen auf Jahre in Herz und Seele gestochen. Das sagt Detlef Placzek, der seit 2018 Opferbeauftragter in Rheinland-Pfalz ist.  Mit unserem Landeskorrespondenten Florian Schlecht sprach der 63-Jährige über Hilfe für Opfer, mögliche Entschädigungen und Lehren aus dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz.

Sie sind Opferbeauftragter von Rheinland-Pfalz. Wie können Sie nach der Amokfahrt von Trier helfen?

Detlef Placzek: Was am 1. Dezember in Trier passiert ist, ist vielen Menschen für immer in Herz und Seele gestochen. Als Opferbeauftragter sehe ich mich in zweierlei Funktion: Ich bin ein Anker, der vermittelt, an wen sich Opfer wenden können, um psychosoziale Hilfe zu bekommen. Später agiere ich auch als Lotse, wenn es darum geht, Ansprüche geltend zu machen. Beides haben wir in Angriff genommen: Betroffene schreiben wir in einem Brief an, in dem wir Hilfe anbieten. Gemeinsam mit der Landesregierung, der Unfallkasse Rheinland-Pfalz und der Stadt Trier haben wir eine Hotline ins Leben gerufen, die Betroffene unter 0800/001-0218 rund um die Uhr anrufen können.

Wer betreut diese Telefonnummer?

Placzek: Es ist eine psychosoziale Notfall-Hotline. Dort sitzen Traumapädagogen 24 Stunden am Tag. Wir haben psychologisch geschulte Fachkräfte gewinnen können, die mit solchen Situationen große Erfahrung haben und die auch schon nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz im Einsatz waren. Sie versuchen, mit Anrufern das Erlebte aufzuarbeiten und vermitteln an die Trauma-Ambulanz, wo sie es für nötig erachten.

Eine Trauma-Ambulanz will das Land nach der Amokfahrt in Trier schaffen. Was leistet diese?

Placzek: Sie gehört zum System der schnellen Hilfe und ist in Rheinland-Pfalz schon lange vertraglich mit verschiedenen Krankenhäusern geregelt. Die Kliniken stellen sicher, Opfern einer Straftat direkt einen Termin zur psychosozialen Begleitung zu geben – auch wenn über deren Antrag noch nicht entschieden ist. In Trier ist die Trauma-Ambulanz im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder entstehen. Die Landespsychotherapeutenkammer hat außerdem angeboten, ihre Mitglieder im Trierer Umfeld zu fragen, wer zur Verfügung, um das Helfer-Netz zu vergrößern.

Trauer ist ein langer Prozess. Was folgt auf die erste Hilfe in Trier?

Placzek: Mittel- bis langfristig vermitteln wir Gespräche, bei denen Trauernde schwerer Unglücke untereinander ihre Erfahrungen austauschen können. Die Runden helfen, um Trauer gemeinsam und nicht alleine bewältigen zu können. Unmittelbar nach der Amokfahrt hat sich eine Stiftung gemeldet, die bis heute Betroffene vom Flugzeugabsturz in Ramstein 1988 betreut und nun Opfern aus Trier helfen will. Das freut mich, weil sie Erfahrung darin haben, ein schreckliches Ereignis traumapädagogisch aufzuarbeiten.

Nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz gab es massive Kritik von Opfern. Ein Problem damals: Tödliche Angriffe mit Lastern oder Autos fielen nicht unter das Opferentschädigungsgesetz, weil sie als Verkehrsunfälle bewertet wurden. Droht Betroffenen in Trier nun ähnliches Ungemach?

Placzek: Inzwischen gibt es einen Passus, bei dem das Opferentschädigungsgesetz greift, wenn ein Auto als Waffe genutzt wird. Das ist richtig so, weil der Staat den Bürger dort entschädigen muss, wo er sich selbst nicht schützen kann. Einziger Haken: Das überarbeitete Gesetz tritt erst 2024 in Kraft. Aber: Bei besonderen Härten sind Entschädigungen schon jetzt möglich. In Trier, wo der Täter das Auto offenkundig bewusst durch die Fußgängerzone gesteuert hat, um Menschen zu verletzen und zu töten, sehen wir die besondere Härte als gegeben an. Ich habe mit der rheinland-pfälzischen Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler gesprochen.  Sie hat ein Einvernehmen mit dem Bund bereits auf den Weg gebracht.

Wer kann vom Opferentschädigungsgesetz profitieren – und in welcher Form?

Placzek: Hilfen aus dem Opferentschädigungsgesetz halte ich für den besten Weg. Das rechnet – je nach Grad der Schädigung – hoch, wie sich das Opfer bis zum Rentenalter entwickelt hätte. Dadurch sind Entschädigungen von bis zu 100 Prozent möglich. Der Anspruch wird individuell berechnet.  Im Wesentlichen besteht er aus Heil- und Krankenbehandlung, Beschädigten- und Hinterbliebenenrente.

Kurt Beck, der Opferschutzbeauftragter vom Berliner Breitscheidplatz war, kritisierte nach dem Anschlag extrem viele Versäumnisse in der Politik. Opfer fühlten sich im Stich gelassen. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass ähnliche Fehler nach der Trierer Amokfahrt nicht passieren?

Placzek: Die Zusammenarbeit in Rheinland-Pfalz funktioniert hervorragend. Die Schwierigkeiten, keine Anlaufstelle zu finden oder Infos unter den einzelnen Stellen nicht auszutauschen, war bei uns von Anfang an nicht gegeben. In Trier ist die Erstversorgung von Polizei, Rettungskräften, Seelsorge und Psychotherapeuten  gut gelaufen. Bei uns gingen schnell nach der Tat Anrufe ein. Der Sohn einer Mitarbeiterin in unserem Amt lebt in der Straße, durch die das Auto fuhr. Wir haben früh von der Tat gewusst und alle Systeme hochgefahren. Wir werden den Menschen helfen.

An den Gedenkorten in der Stadt zeigt sich die Trauer am Donnerstagvormittag in vielen Formen. In einem Kondolenzbuch gedenken Menschen in Trier den Opfern der Amokfahrt. Foto: Inge Kreutz

Wer Ersthelfer, Betroffener, Augenzeuge von der Trierer Amokfahrt ist und psychosoziale Unterstützung wünscht, kann sich rund um die Uhr an die kostenlose Notfall-Hotline  des Opferbeauftragten Rheinland-Pfalz wenden: Die Nummer lautet 0800 001 0218.