Interview mit neuem Chef der Trierer CDU, Thorsten Wollscheid

Kostenpflichtiger Inhalt: Thorsten Wollscheid : Interview mit neuem Vorsitzenden der Trierer CDU: „Ich bin der Typ, der gerne zuhört“

Der neue Vorsitzende der Trierer CDU will die Basis stärken und wirbt für Verkehrswende und Moselaufstieg.

Eine schrumpfende Partei und die Kandidatensuche für Landtags-, Bundestags- und die Trierer Oberbürgermeisterwahl: Der TV hat mit Thorsten Wollscheid über die Herausforderungen gesprochen, vor denen er als neuer Chef der Trierer CDU steht.

Der Trierer CDU-Kreisverband ist in den vergangenen 20 Jahren von 1700 auf 820 Mitglieder geschrumpft. Alleine in den vergangenen zwei Jahren sind es nochmal 50 weniger geworden. Was tun?

Thorsten Wollscheid: Es gibt zwei Gründe, in eine Partei einzutreten. Erstens, weil man grundsätzlich mit deren Politik übereinstimmt – da bräuchten wir natürlich Rückenwind aus Berlin. Zweitens, weil die Leute sich vor Ort engagieren wollen. Beim Kommunalwahlkampf haben wir gesehen, dass wir ganz viele parteilose Mitstreiter auf den Wahllisten hatten, die bereit waren, sich für ihre Stadt, für ihren Stadtteil einzubringen. Nun muss man diesen Leuten zeigen, dass es einen Mehrwert hat, Parteimitglied zu sein, weil man dann mitbestimmen kann und die Dinge nicht von oben kommen.

Worin besteht denn dieser Mehrwert konkret?

Wollscheid Wenn zum Beispiel jemand vor Ort einen gute Idee hat für seinen Stadtteil, der Vorstand des örtlichen CDU-Verbands das dann ernst nimmt und die Fraktion im Stadtrat die Sache tatsächlich aufgreift. Damit das funktioniert, möchte ich Foren einrichten, in denen Mitglieder die Chance haben, sich in dem Themengebiet, für das sie sich interessieren, einzubringen – und zwar nicht in Form von Konzeptpapieren, die dann in irgendwelchen Schublanden verschwinden. Vielmehr sollen die Ideen zu konkreten Anträgen entwickelt werden, die die CDU-Fraktion dann im Stadtrat stellen kann.

Gab’s das denn bei der Trierer CDU in der Vergangenheit nicht, und liegt darin tatsächlich der Grund, warum die Mitgliederzahlen so stark zurückgegangen sind?

Wollscheid: Wir reden hier über einen Zeitraum von 20 Jahren – da war der Führungsstil tatsächlich noch ein ganz anderer. Da konnten die einfachen Mitglieder kaum mitreden. Dass man mit mehr Mitbestimmung den Trend komplett aufhält, ist aber natürlich schwierig. Das sehen wir bei allen Parteien. Auch die Altersstruktur der Gesellschaft spielt da eine Rolle.

Die Grünen verzeichnen Zulauf...

Wollscheid: Ja. Die Grünen versuchen auch, ihre Mitglieder sehr stark einzubinden.

Bleiben wir bei der Statistik: Das Durchschnittsalter bei der CDU Trier liegt bei 62 Jahren, Sie selbst sind 32 Jahre alt. Der Alterstdurchschnitt des geschäftsführenden Vorstands liegt bei 40 Jahren.  Eine junge Truppe also, der es aber auch gelingen muss, die Senioren mitzunehmen.

Wollscheid: Im Vorfeld meiner Wahl gab es schon die eine oder andere Stimme, ob es Sinn macht, dass so ein junger Kerl Vorsitzender wird. Aber es ist auch so, dass ich schon seit 16 Jahren in verschiedenen Ämtern dabei bin, ich kenne also die Partei und auch unsere Senioren. Außerdem ist es ist ja nicht so, dass man mit junger Politik automatisch ältere Leute vergrault. Im erweiterten Vorstand sind zudem durchaus auch sehr erfahrene Kollegen dabei, wie die langjährigen Stadträte Dr. Ulrich Dempfle und Matthias Melchisedech.

Ihr Vorgänger Maximilian Monzel hat noch bei seinem Rückzug betont, dass die Fraktion im Stadtrat der „ausführende Arm der Partei“ sein müsse. Anders als Monzel gehören Sie der Stadtratsfraktion an. Was wird mit Ihnen da anders?

Wollscheid: Wenn man als Parteivorsitzender Ideen aus der Basis nicht direkt weiter einbringen kann, dann kann das problematisch sein. Herr Monzel hatte das Problem, dass er kaum im Tagesgeschäft der Fraktion drin war – das ist bei mir schon mal anders.

Ich möchte, dass die Leute sehen, dass Ideen aus der Basis durchaus von der Stadtratsfraktion aufgegriffen werden und im Stadtrat landen.

Beim Brubacher Hof haben Sie – noch als einfaches Ratsmitglied – für den Stopp des in der Planung befindlichen Baugebiets gestimmt – gegen die breite Parteimeinung, gegen die CDU-Ratsfraktion und gegen das starke Werben von Baudezernent Andreas Ludwig. Auch der CDU-Beigeordnete Thomas Schmitt – der neuer stellvertretender Parteivorsitzender ist – hatte sich für das Baugebiet ausgesprochen.

Wollscheid: Ob es eine breite Parteimeinung für Brubach gab, wissen wir ja gar nicht. Darüber wurde unter den Parteimitgliedern ja nie abgestimmt.

Es gab aber auch keinen Protest aus der CDU-Basis gegen das Baugebiet in den vergangenen Jahren.

Wollscheid: Das stimmt. Trotzdem weiß ich, dass das Baugebiet in der Partei nicht unumstritten war. Bei mir selbst gab es da eine durchgehende Stringenz: Als Vorsitzender der CDU Mariahof hatte ich 2016 eine Unterschriftenaktion gegen das Baugebiet gemacht – da kann ich doch drei Jahre später nicht plötzlich umfallen und dafür stimmen!

Meine Haltung dazu war zudem immer mit der Fraktion und auch mit CDU-Baudezernent Ludwig abgesprochen.

Ist denn mit weiteren persönlichen Entscheidungen, die nicht unbedingt Parteilinie sind, in Zukunft von Ihnen zu rechnen?

Wollscheid: Spontan fällt mir da kein Thema zu ein. Und auch generell finde ich es natürlich besser, wenn an einem Strang gezogen wird und die Partei eine klare Linie hat.

Sie sind 32 Jahre alt – das ist nicht nur relativ jung für die Spitze des Trierer CDU-Kreisverbandes, sie stecken auch noch im Studium. Woher beziehen Sie Ihre Erfahrungen aus der Arbeits- und Wirtschaftswelt, traditionelle Kernthemen der CDU?

Wollscheid: Grundsätzlich begreife ich die Vorstandsarbeit als Teamangelegenheit, und da haben wir durchaus auch sehr erfahrene Leute dabei. Mir persönlich ist es wichtig, den Kontakt zur Wirtschaft und den Kammern zu suchen.

Wie lange dauert denn Ihr Studium noch und wo sehen Sie Ihre berufliche Zukunft?

Wollscheid: Ich will im nächsten Jahr mein Studium der Wirtschaftsmathematik beenden und sehe meine Zukunft im Finanzsektor in Luxemburg – bei einer Bank oder Versicherung etwa.

Die CDU Trier hat seit Jahren keinen Vertreter mehr im Mainzer Landesparlament und stellt auch nicht mehr den CDU-Abgeordneten der Region in Berlin. Wollen Sie bei den Landtags- oder Bundestagswahlen 2021 als Spitzenkandidat antreten?

Wollscheid: Auf Bundesebene ist es so, dass wir und die CDU im Landkreis mit Andreas Steier einen gemeinsamen Abgeordneten in Berlin haben, der sich da sehr gut eingelebt hat. Vor allem das Zukunftsthema künstliche Intelligenz vertritt er dort sehr gut.

Vertritt er denn auch die Stadt Trier sehr gut?

Wollscheid: Ja. Wir tauschen uns aus, die Zusammenarbeit ist sehr gut.

Und wie sieht es aus mit Mainz?

Wollscheid: Die Frage stellt sich jetzt noch gar nicht. Da werden erst im kommenden Jahr die Weichen gestellt.

Haben Sie denn Ambitionen?

Wollscheid: Meine Ambition ist die, dass die Interessen der Stadt wieder angemessen in Mainz vertreten werden. Die CDU Trier hat sich nun gerade erst neu aufgestellt. Wir werden uns die Zeit nehmen, mit unseren Mitgliedern den richtigen Kandidaten für diese Herausforderung aufzustellen. Daher sage ich im Moment weder Ja noch Nein.

Ziel der Trierer CDU muss es auch sein, sich bei den nächsten Oberbürgermeisterwahlen den Chefsessel im Rathaus zurückzuholen. Die Wahl steht zwar erst im Herbst 2022 an, mit wem die CDU ins Rennen geht, sollte allerdings in gut einem Jahr feststehen – bisher zeichnet sich da allerdings noch niemand ab, oder?

Wollscheid: Das ist durchaus ein Thema, das wir als neuer Vorstand angehen müssen – Personen habe ich da aber noch nicht im Kopf. Man muss auch schauen, wie die Konstellation dann ist, zum Beispiel, ob Herr Leibe noch einmal kandidiert. Das wird sich im Lauf des nächsten Jahres alles zeigen. Das Ziel ist natürlich, dass die CDU den Oberbürgermeister in Zukunft wieder stellt!

Sie sprechen sich klar für den Moselaufstieg aus – ein Verkehrsprojekt, geplant in den 1980ern.

Wollscheid: Wir haben in Trier ganz viel Verkehr, der nicht die Stadt zum Ziel hat, sondern der gezwungen wird, hier durchzufahren, weil es keine andere Möglichkeit gibt. Von daher hat der Moselaufstieg nichts mit einem „Weiter so“ zu tun – schließlich brauchen wir dringend eine Wende in der Verkehrspolitik. Vielmehr geht es um aktive Verkehrsentlastung. Jedes Dorf der Eifel hat eine Ortsumgehung zur Verkehrsentlastung – nur Trier nicht.

Der Moselaufstieg ist mittlerweile auf rund 60 Millionen Euro taxiert – in etwa so viel wird wohl auch die Sanierung des Trierer Theaters kosten, zumindest inklusive des Neubaus zur Zwischennutzung neben der Tufa. Wie stehen Sie zu diesen immensen Ausgaben für die Hochkultur?

Wollscheid: Die CDU steht dazu, das Theater in der jetzigen Form zu erhalten. Dafür brauchen wir die Sanierung. Einen Anbau neben der Tufa zu errichten, in den der Theaterbetrieb umzieht während der Sanierung und den die Tufa später nutzen kann, ist eine sehr kluge Lösung, die unser CDU-Kulturdezernent gefunden hat. Ich bin der Meinung, dass uns die Sanierung die genannte Summe wert sein sollte – gerade auch mit dem nachhaltigen Tufa-Anbau. Unsere Infrastruktur im Allgemeinen wurde in der Vergangenheit vernachlässigt. Deshalb ist es wichtig, dass wir neben dem Theater zum Beispiel auch in eine neue Feuerwache, Sportstätten und Schulen investieren – ebenfalls keine geringen Summen.

Und noch ein aktuelles Thema: Das Zurlaubener Heimatfest steht vor dem finanziellen Aus. Das Altstadtfest wird seit 2009 von der Stadt veranstaltet – muss die Stadt jetzt auch das Moselfest übernehmen?

Wollscheid: Das Moselfest gehört zur Stadt – es ist sowohl für die Bürger ein Teil des Lebens als auch für die Touristen eine wichtige Veranstaltung. Ich möchte nicht, dass das Fest stirbt. In welcher Weise man da jetzt eingreift, kann ich nicht sagen, dazu muss man sich jetzt erstmal die Zahlen genau anschauen. Ob es in gewohnter Weise weitergehen kann oder ob man das Fest dann ausschreibt, damit ein anderer Privater es übernehmen kann, oder ob die Stadt mit ihrer Tourismusgesellschaft TTM einspringt, muss man dann entscheiden.

Ihr Vor-Vor-Vorgänger im Amt, der langjährige Bundestagsabgeordnete Bernhard Kaster, hat vieles im Alleingang geregelt damals. Ihr Vor-Vorgänger Udo Köhler versuchte zu moderieren. Und Ihr direkter Vorgänger Maximilian Monzel versuchte es mit Stärke. Sie selbst haben ein eher ruhiges, zurückhaltendes Wesen. Was ist Ihr Führungsstil?

Thorsten Wollscheid, Vorsitzender der CDU Trier. Foto: Rainer Neubert

Wollscheid: Ich bin der Typ, der versucht, die Basis mitzuholen, der gerne zuhört, sich dann eine Meinung bildet und wenn eine Entscheidung getroffen ist, daran festhält und diese durchsetzen kann – auch gegen Widerstände.

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