Jugendarbeit: Das große Zittern geht weiter

Jugendarbeit: Das große Zittern geht weiter

Die freien Träger der Jugend- und Sozialarbeit in Trier können nur vorerst aufatmen: Der Stadtrat hat die Kürzung ihrer Zuschüsse rückgängig gemacht und die Budgets sogar geringfügig erhöht. Doch noch fehlt die Zustimmung der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion. "Das Thema ist längst nicht über die Bühne", sagt Palais-Chef Reinhold Spitzley.

Trier. 168 000 Euro sind verglichen mit dem Schuldenstand der Stadt Trier in Höhe von 748 Millionen Euro nicht mehr als ein Trinkgeld. Doch dieses Trinkgeld sorgte für gewaltigen Wirbel im zweiten Halbjahr 2012. Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) hatte die Stadt aufgefordert, 1,9 Millionen Euro im laufenden Trierer Haushalt einzusparen. Ein kleiner Teil dieses Sparpakets sollte eine fünfprozentige Kürzung der Zuschüsse werden, die von der Stadt an freie Einrichtungen der Jugend- und Sozialarbeit fließen (der TV berichtete mehrmals) - eben diese 168 000 Euro. Der Stadtrat nahm das Sparpaket in seiner Sitzung Ende Juni an.
Entspannung nicht in Sicht


Doch auch wenn das Gremium diese Entscheidung im Dezember korrigiert hat (siehe Extra), kann von einer Entspannung der freien Träger - deren 1000 Mitarbeiter mehr als 10 000 Kinder und Jugendliche betreuen - keine Rede sein. "Natürlich stellt sich die Frage, ob die ADD den vom Stadtrat beschlossenen Haushalt in dieser Form akzeptiert", sagt Reinhold Spitzley. Der Geschäftsführer des Palais e. V. ist einer der Wortführer des Protests gegen die Kürzung und repräsentiert auch die Liga der Wohlfahrtsverbände. "Ich rechne mit einem Veto der ADD. Dann werden wir sehen, ob die Fraktionen weiter gegen eine Kürzung eintreten und unserer Arbeit Priorität einräumen."
Das klingt offensiv, ist aber so wohl nicht gemeint. Spitzley lässt keinen Zweifel daran, dass er den Fraktionen für die Rücknahme der Kürzungen sehr dankbar ist. "Als sie die Kürzung in der Juni-Sitzung beschlossen haben, waren sich viele Fraktionsmitglieder offenbar nicht im Klaren über die Konsequenzen. Sie wussten nicht, dass diese fünf Prozent an die Substanz gehen und zu Entlassungen führen können. Als sie das erkannt haben, handelten sie entsprechend." Die geringfügige Erhöhung des Budgets gleiche "nach Jahren des Stillstands auf gleichem Niveau" die Lohnerhöhungen aus.
Weiterhin am Limit


Dennoch müssen die freien Träger weiterhin am Limit arbeiten, betont der Geschäftsführer des Palais. "Es gibt weiterhin keine Lösung auf Dauer. Mit jeder Haushaltsberatung beginnt immer wieder das große Zittern." Spitzley fordert eine Schwerpunktsetzung. "Trier muss sich entscheiden: Was brauchen wir, was wollen und was können wir uns leisten?"
Jörg Drekopf ist der Vorsitzende des Stadtjugendrings Trier, und ebenso wie Reinhold Spitzley macht auch er sich Sorgen über die zu erwartende Reaktion der ADD auf die Rücknahme der Zuschusskürzungen. "Die ADD lässt schließlich nicht einfach alles durchgehen."
Drekopf tritt mit Nachdruck für eine stabile Jugendhilfeplanung ein. "Wir müssen sehen und analysieren, wo dringend Handlungsbedarf besteht. Es werden Entscheidungen getroffen werden müssen, die nicht alle gut finden." Die Träger, so betont Drekopf, brauchen eine langfristige Perspektive. "Schließlich können wir nicht in Erwartung neuer Kürzungen schon mal vorsorglich Leute entlassen."Meinung

Stress ohne Sicherheit
Arbeit ohne Perspektive, Stress ohne Sicherheit, Verantwortung ohne adäquate Entlohnung - so treibt man auch den loyalsten Überzeugungstäter auf die Barrikaden oder gleich in den Wahnsinn. Vereine wie der Palais e. V. und Einrichtungen wie das Exhaus übernehmen täglich Pflichten der Stadt Trier und werden dafür von dieser bezuschusst. Das ist eine vom Gesetzgeber gewollte und auch sinnvolle Arbeitsteilung: Gemeinnützige Träger unterstützen das Jugendamt in der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Doch in Trier werden die Mitarbeiter dieser Träger genötigt, mit der enormen Belastung ständiger Unsicherheit zu arbeiten. Die Kinder- und Jugendarbeit ist elementar wichtig. Ihre Leistungsträger sollten sich keine Sorgen machen müssen, ob ihre Stelle im nächsten Jahr noch existiert. Der Stadtrat hat seinen Sparbeschluss vom Juni überdacht und im Dezember korrigiert - sehr gut. Der nächste Schritt ist die Schaffung einer stabilen Planungsbasis für die Jugendarbeit und die Akzeptanz der ihr zustehenden höchsten Priorität. In den Köpfen ebenso wie im Haushaltsplan. j.pistorius@volksfreund.deExtra

21 freie Träger der Jugend- und Sozialarbeit in Trier schlugen im Juni Alarm: Sozialdezernentin Angelika Birk habe angekündigt, im laufenden Haushalt und in den nächsten Jahren die Zuschüsse der Stadt im Jugend- und Sozialbereich um fünf Prozent zu kürzen. Damit begann eine Serie von Diskussionen und Protestaktionen, mit denen sich Vereine, Verbände und Einrichtungen gegen die ihrer Darstellung nach existenzbedrohenden Kürzungen wehrten. Die Debatte wurde zu einem der prägenden politischen Konflikte des Jahres 2012. Im Rahmen der Verabschiedung des Doppelhaushalts 2013 und 2014 im Dezember stoppte der Stadtrat die Sparpläne und kassierte seinen Beschluss vom 28. Juni: Die freien Träger bekommen ab 2013 nicht nur ihr ursprüngliches Budget, sondern sogar einen Aufschlag, der vor allem Gehaltssteigerungen auffangen soll. jp