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Jugendzentrum Mergener Hof in Trier: Poetry Slam im Gewölbekeller

Dichterwettstreit : Erinnerung an die Großeltern, Vorausschau auf große Ereignisse

Poetry Slam – muss man da reimen wie etwa Fernseh-Tatortreiniger Schotty in der Folge „Der Fluch“? Mitnichten. Es werden selbstverfasste Texte vorgetragen, nachdenklich oder heiter, gerne auch mit Per­formance und Gesang. Im Mergener Hof In Trier wurde nun der 18. Geburtstag des „Verbum Varium Treverorum“ mit einer Slam-Party gefeiert.

 Der Erdbeer-Milchshake mit dem Opa nach der Schule, die Zukunft im Kleiderschrank, die ewig falsch geschriebene Sybille: Die Poetry-Slam-Beiträge sind unterhaltsam und vielfältig. Die Erfolgs­geschichte des Trierer Poetry Slams „Verbum Varium Treverorum“ begann im Dezember 2003 im Palais am Dom, damals vor 150 Gästen, berichtet Peter Stablo vom Trägerverein Kultur Raum Trier. Später kamen Comedy Slam und Science Slam hinzu. Wie Stablo stolz berichtet, gingen aus den Trierer Wettbewerben einige teils sehr erfolgreiche Künstler hervor, etwa der Poetry Slammer und Politiker Nico Sems­rott, Marc-Uwe Kling, Sebastian Krämer und die Comedians Chris Tall und Luke Mock­ridge. 

Eröffnet wird die Slam-Party im Gewölbekeller des Mergener Hofs vom frisch gegründeten Chor Slam Jam, bestehend aus fünf jungen Bewohnern des Studierendenwohnheims Cusanushaus. Erste Poetry Slammerin ist die Triererin Rosmarie Eden Levy. Seit Jahren engagiert sich die Schülerin für Tierrechte und ist Aktivistin von Fridays for Future. Jetzt steht sie kurz vor ihrem Abitur und spricht über ihr Dasein als „Doppelagent“: Eine Maske schützt das wahre Ich. Und doch ist es Zeit, sich von der falschen Seite zu verabschieden. Auch die 18-jährige Emily Schilz aus Trier blickt schon auf ihr Abitur – noch 118 Tage sind es. Wann immer sie die Lust zum Lernen verlässt, schlüpft sie in ihr schon seit zwei Jahren im Schrank bereit­hängendes, blau glitzerndes Abi­kleid. Auch in ihrem zweiten Beitrag sinniert sie über das bald fällige Ver­lassen ihrer Heimat­stadt und über glückliche Erinnerungen an Kindheit und Großvater.

Die erfahrene Poetry Slammerin Anna Lisa Tuczek aus Bonn, die am Nachmittag bereits einen kostenlosen Workshop angeboten hat, widmet sich ebenfalls ihren Großeltern. Ihre patente Oma feiert sie rappend als „Kittelschürzenbraut“ und begeistert ihr Publikum mit ihrer extro­vertierten Präsentation. Ihrem an Demenz erkrankten und mittlerweile verstorbenen Großvater widmet sie – ebenfalls ohne Textzettel – ein berührendes Liebes­gedicht, in dem sie auch für mehr An­erkennung für Pflegende plädiert.

Neu auf der Bühne ist die Triererin Latoya Weiß, die sich mit Geschlechter­identitäten befasst. In „Reclaiming the Dark – die Dunkelheit zurückerobern“ wehrt sie sich gegen das Klischee übel­wollender Männer und hilf­loser Frauen: „Wir müssen die Dunkelheit in jedem Einzelnen be­kämpfen!“ Wort­gewandt amüsiert sie sich über die „des­orientierte Balz des Homo Sapiens“ und stellt Vergleiche mit dem Tier­reich an.

Der Abend hat auch seine Poeten, so hat der Trierer Denis Winkelbach einen Liebesbrief an die Kunstform des Poetry Slam verfasst. Darin freut er sich, wenn die Großhirn­rinde mittels komplexer Metaphern so richtig entflammt wird. Auch er be­lebt seinen Vortrag etwa durch Klopfen und Schnipsen. In seinem zweiten Beitrag parodiert er die immer gleichen Probleme eines älteren Paares und hat Gelegenheit zu herzhaften Fluch­tiraden.

Als einer der späteren Sieger stellt sich Stefan „Don Esteban“ Klaus aus Bitburg heraus. Der 38-jährige frühere Theologiestudent und Künstler, der aus Trier stammt, ist mittlerweile auf vielen Bühnen zuhause. Er engagiert sich unter anderem für die Ent­stigmati­sierung psychischer Erkrankungen und bietet Workshops zu therapeutischem Schreiben an. Im Gewölbekeller überrascht er – mit Rauschebart und breit­krempigem Hut – sein Publi­kum mit einem Weih­nachts­lied in biblischem Griechisch aus dem 6. Jahrhundert: „Hé Parthenos simeron“. Die Besucher dürfen – und sollen – mitsummen. „Schenkt Liebe, alles andere ist Plunder“, plä­diert er. Später schildert Klaus die Be­gebenheiten bei einer üblichen viertägigen Dorf­festivität: „Wem Saufen eine Ehre, ist Kotzen keine Schande.“

Nach mehreren Applaus­orgien des Publikums entscheidet Peter Stablo schließlich, zwei Sieger zu küren: Co-Gewinnerin ist Anna Lisa Tuczek. Sie verrät, dass Stefan Klaus seit Jahren einer ihrer besten Freunde ist. Gemeinsam tragen beide Er­lebnisse beim Prokto­logen vor – ein Beitrag, der sicher manchem Be­sucher kalte Schauer über den Rücken jagt.

Auch die Veranstalter Peter Stablo und Kerstin Rubas, gerade von der 2G+-Regel überrascht, graust es, wenn sie an die kommenden Wochen und Monate denken. „Das bricht uns das Kreuz“, fürchtet Rubas mit Blick auf die vierte Pandemiewelle. „Es ist eine Riesen­verunsicherung. Die Leute haben nicht mehr reserviert. Und jetzt gehen ja auch die Tests aus.“ Da aber kein Lock­down sei, seien auch Hilfen für die Branche un­klar. Was sich Kerstin Rubas wünscht? „Planungssicherheit, Klarheit und Ruhe – einfach einen Licht­blick nach vorne.“