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Kampf gegen das Virus und die Angst

Kampf gegen das Virus und die Angst

Mitten in Trier bricht eine gefährliche und hochansteckende Virus-Erkrankung aus. Eine Übung simulierte gestern dieses Katastrophen-Szenario. Die folgende Reportage schildert das Geschehen aus Sicht der Rettungskräfte. Die Notlage ist eine Simulation, die Reaktionszeiten und Aktionen aller beteiligten Personen entsprechen der Realität.

Trier. Dienstagmorgen gegen 9.30 Uhr: Im ersten Stock des Gesundheitsamts in der Trierer Paulinstraße läuft eine Routineuntersuchung. Ein Asylbewerber, er kam am 7. Februar aus dem Senegal nach Deutschland, meldet sich zum Gesundheitscheck. Amtsarzt Christoph Bartz sieht sofort, dass der Mann sehr krank ist. Er hat hohes Fieber, klagt über kolikartige Bauchschmerzen und seit wenigen Stunden auch über blutige Durchfälle. Außerdem zeigen seine Arme fleckige Einblutungen in die Haut. Bartz reagiert sofort. Er isoliert und versorgt den Patienten und benachrichtigt den Leiter des Gesundheitsamts: Wir haben hier möglicherweise einen Fall von Lassa-Fieber. Während er das tut, wird ihm klar, dass auch er selbst in den nächsten Tagen unter medizinischer Beobachtung stehen wird, denn Lassa-Fieber ist hochansteckend.

Absolut kein Routine-Einsatz



Eine Kette von Reaktionen in alle Richtungen beginnt. Der Alarmruf erreicht die Berufsfeuerwehr um 9.45 Uhr. Es ist die Schicht von Olaf Backes, und er muss Abläufe regeln, die mit einem Routine-Einsatz nichts zu tun haben. Ein Einsatzwagen des Rettungsdienstes wird für den Transport eines Patienten vorbereitet, der an einem durch die Luft übertragbaren Virus leidet. Die Isolierstation im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder wird informiert und beginnt sofort, sich auf den Einsatz vorzubereiten. Ihr erster Schritt: Sie übergeben den Bio-Bag, ein luftdichtes und unter Unterdruck stehendes Ganzkörper-Zelt, an die anrückende Feuerwehr. Das Gesundheitsamt wird von der Polizei komplett gesperrt.

Parallel dazu beginnen Ermittlungen, die klären sollen, mit welchen Personen der Senegalese in den vergangenen 20 Tagen Kontakt hatte. Das Asylbewerberheim in der Dasbachstraße und auch das Flugzeug, in dem er nach Deutschland kam, stehen hier im Mittelpunkt. Diese Ermittlungen erfolgen sehr präzise. Wer im Flugzeug in seiner Nähe saß, wer in der Dasbachstraße mit ihm ein Zimmer teilte oder näheren Kontakt mit ihm hatte, wer in der Sprechstunde für Asylbewerber mit ihm zusammentraf - sie alle werden drei Wochen lang zweimal täglich untersucht. Zeigen sich Symptome, ein deutliches ist ein lang anhaltendes Fieber, müssen auch sie isoliert werden. Das gilt auch für die Mitarbeiter des Gesundheitsamts, für die dieser Tag ganz normal begonnen hat. Die Behörden schalten schnell, nach zwei Stunden liegt ein konkretes Ergebnis vor. 20 Menschen sind betroffen.

Um kurz vor elf, 75 Minuten nach der Alarmierung, trifft die Feuerwehr am Gesundheitsamt ein. Im ersten Stock wird eine Dekontaminations-Schleuse errichtet. Das geht ebenso schnell wie das Anlegen der gelben Schutzanzüge. Zwei Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamts sehen zu, sie tragen keinen Anzug, sondern einen Mundschutz. Auch sie werden später unter medizinischer Kontrolle stehen.

Der Senegalese wird in den Bio-Bag gepackt. "Wenn Sie sich unwohl fühlen oder keine Luft bekommen, drücken Sie auf den Gong", sagt Amtsarzt Bartz, bevor er den Verschluss zuzieht. Der Gong ist ein elektronisches Signal. Die komplexe Prozedur, es müssen Elektroden angelegt und die Luftversorgung sichergestellt werden, dauert knappe zehn Minuten. Dann wird der Bio-Bag aufgeblasen, jetzt sieht er aus wie eine Röhre.

Zwei Rettungswagen sind Vorschrift



Vier Rettungskräfte, sie tragen den Bio-Bag, und zwei Ärzte müssen durch die Schleuse. Alle sechs werden über die gesamte Oberfläche ihrer Schutzanzüge mit einem desinfizierenden Schaum abgespritzt. Der Weg zur Isolierstation des Brüderkrankenhauses ist in wenigen Minuten zurückgelegt. Ein zweiter Einsatzwagen mit voller Besatzung fährt hinterher. So lautet die Vorschrift. Sollte Wagen eins ausfallen, könnte Wagen zwei sofort übernehmen. Kurz vor zwölf Uhr treffen die Teams ein.

Die Mitarbeiter des Brüderkrankenhauses erwarten den Patienten bereits an einer speziellen mit der Isolierstation verbundenen Rampe. Eine Blutprobe wird unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen entnommen und mit einem Sonderkurier ins Viren-Referenzzentrum nach Marburg geschickt. Erst dort wird sich definitiv herausstellen, ob der Mann aus dem Senegal tatsächlich an Lassa leidet oder ob ein anderer Virus wie Ebola die Symptome verursacht.

Der Patient selbst wird nach Frankfurt ins Kompetenzzentrum für hochansteckende lebensbedrohliche Erkrankungen gebracht, dessen Träger das Stadtgesundheitsamt und die Universitätskliniken sind.

Den Mitarbeitern des Gesundheitsamts, der Feuerwehr und des Brüderkrankenhauses stehen die umfassende Desinfektion ihrer Räume und Geräte und eine wochenlange medizinische Kontrolle bevor. Dazu kommt die Angst jedes Einzelnen, ebenfalls krank zu werden. Es gibt keinen Impfstoff gegen Lassa-Fieber. Um 14.30 Uhr ist der Einsatz in Trier beendet.