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Karl-Marx-Stadt mit Karl-Marx-Hain

Karl-Marx-Stadt mit Karl-Marx-Hain

Trier solle sich in Karl-Marx-Stadt umbennen, forderte Anfang Oktober ein CDU-Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Die ironisch vorgetragene Idee wurde heftig von seiner Fraktion beklatscht. Wie eine Leserreaktion zeigt, ist sie aber alles andere als neu.

Trier. Die Debatte um die in Trier geplante Karl-Marx-Statue hatte es Anfang Oktober in den Bundestag nach Berlin geschafft. Kurz zuvor hatte sich unter anderem von CDU-Seite Widerstand gegen die geplante Marx-Ausstellung im Jubiläumsjahr 2018 (dem 200. Geburtstag des in Trier geborenen Philosophen) geregt, und die Pläne für die Marx-Statue - ein Geschenk der Volksrepublik China an die Stadt Trier - hatten für Aufsehen gesorgt.
Der CDU-Bundestagsabgeordnete und Fraktionsvize Arnold Vaatz trug daraufhin in seiner Rede zur deutschen Einheit im Parlament dem Trierer Oberbürgermeister an, Trier in Karl-Marx-Stadt umzubenennen. Den Namen hatte die Stadt Chemnitz in DDR-Zeiten getragen, ehe sie sich 1990 wieder umbenannte. Außerdem schlug Vaatz vor, Trier solle doch ein Ankaufprogramm für alte Lenin- oder Stalin-Statuen auflegen, die man aus Polen aufkaufen könne. Mit diesen Statuen, so Vaatz im komplett ironisch gemeinten Schlussteil seiner Rede, könne man "ein fantastisches Panorama in Karl-Marx-Stadt, früher Trier, errichten: Karl Marx im Kreise seiner Schüler."
Dem CDU-Abgeordneten, der den Wahlkreis Dresden II vertritt, bescherten seine Anmerkungen viele Lacher und großen Beifall von der CDU-Fraktion im Bundestag.
Kritik gibt es nun an Vaatz aber von Uwe Reinecke, der die Berichterstattung im Volksfreund verfolgt hat. Reinecke schreibt die Redaktion aus Göttingen an und wirft Vaatz "Ideenklau" vor, jedenfalls was die Idee der Umbenennung in Karl-Marx-Stadt angehe. "Ich unterbreitete die Idee bereits am 24. April 1990 dem damaligen Trierer OB", schreibt Reinecke. Im Antwortschreiben vom 3. Mai 1990 sei ihm dann freundlich mitgeteilt worden, dass man die Stadt nicht in Karl-Marx-Stadt umbennen werde. Eine Umbennung bekäme in der Bevölkerung sicher keine Mehrheit, auch wenn sie demokratisch durch den Rat legitimiert wäre. Es bestünde auch kein Anlass, sich nur auf einen großen Sohn der Stadt zu begrenzen, denn sicherlich würde sogleich eine Diskussion laut, weshalb man nicht diesen oder jenen anderen wählen würde. Der Brief sei vom damaligen Oberbürgermeister Helmut Schröer unterschrieben gewesen. Tatsächlich lag in Trier 1990 nicht nur der nicht ganz ernst gemeinte Vorschlag auf dem Tisch, die Stadt umzubenennen. Als sich Karl-Marx-Stadt wieder den Namen Chemnitz gab, gab es auch Anfragen, ob die Stadt Trier denn ihrerseits an der Karl-Marx-Straße festhalten wolle. In einer Glosse der Zeitung "Sieh um dich", einem Vorläufer der Rathauszeitung, beschrieb der heutige Presseamtschef Hans-Günther Lanfer außerdem, dass das in Chemnitz damals umstrittene monströse Karl-Marx-Monument des russischen Bildhauers Lew Kerbels der Stadt Trier zum Kauf angeboten worden sei. Es würde doch gut auf den damals gerade neu gestalteten Viehmarktplatz passen, so die Argumentation. Der Verkaufserlös solle Chemnitzer Krankenhäusern zugute kommen. Der Abriss des gewaltigen, 7,10 Meter hohen und 40 Tonnen schweren Marx-Kopfes aus Bronze wurde in Chemnitz im Rahmen der Stadt-Rückbenennung tatsächlich diskutiert. Er blieb dann aber doch stehen.
Ex-Oberbürgermeister Helmut Schröer kann sich noch heute an die Diskussionen im Stadtvorstand 1990 erinnern. Auch die in der Rede des CDU-Politikers Vaatz aufgetauchte Idee, noch weitere alte Denkmäler aus den vormaligen Ostblock-Staaten aufzukaufen, sei damals schon besprochen worden - alles schon mal dagewesen eben. Mit großem Ernst wurde das Thema aber wohl nicht im Stadtvorstand behandelt, wie sich Schröer erinnert - und dann 26 Jahre später noch herzlich lachen muss. "Das hat der Peter Dietze (Baudezernent) vorgeschlagen. Er meinte, wir könnten die Dinger dann im Weißhauswald aufstellen und den in Karl-Marx-Hain umbennen." mic