Kein Geld, keine Vision
Die Stadt Trier tut sich schwer, ein angemessenes Kultur- und Wissenschafts-Programm zum Heilig-Rock-Jahr 2012 auf die Beine zu stellen. Die bisherigen Pläne der Verwaltung stoßen beim Stadtrat auf wenig Gegenliebe. Nun soll Kulturdezernent Holkenbrink in Berlin Geld für ein Groß-Event beantragen.
Trier. Es ist ein Jubiläum der ganz raren Art: 2012 jährt sich zum 500. Mal der legendäre Reichstag in Trier. Ein Fürstentreffen mit Folgen. Auf Drängen Kaiser Maximilians wurde der Heilige Rock erstmals öffentlich gezeigt - der Beginn einer großen Wallfahrts-Tradition. Im Mai und Juni 1512 zeigten die Domherren ihre wertvollste Reliquie, die Tunika Christ, dem Volk. Alleine am 30. Juni 1512 sollen 80 000 Wallfahrer nach Trier gepilgert sein, das damals nur rund 10 000 Einwohner zählte. Bis 1517 fanden jährliche Ausstellungen statt, später wurden die Abstände größer. Zum Jubiläum 2012 lädt das Bistum erstmals nach 1996 wieder zur Heilig-Rock-Schau ein.
Auch die Stadt Trier will der historischen Dimension Rechnung tragen. Kulturdezernent Ulrich Holkenbrink präsentierte dem Stadtrat folgenden Vorschlag: Das Stadtmuseum stellt von April bis Dezember 2012 unter dem Titel "Zeugnisse des Frühchristentums" seine koptischen (frühchristlich-ägyptischen) Textilien aus.
Außerdem soll es eine Vortragsreihe geben sowie zur Vorbereitung der Ausstellung im Herbst 2010 ein Kolloquium. Kosten: 210 000 Euro, von denen - so hofft Holkenbrink - das Land die Hälfte zahlt. Der Stadt-Anteil muss "über ein Sonderbudget" finanziert werden, sprich: auf Pump.
Mit diesen Plänen mochte sich die Ratsmehrheit nicht so recht anzufreunden. Nur die CDU befürwortete das Vorhaben: Klar, man würde gerne mehr bieten, meinte Ulrich Dempfle, "aber wir müssen mit dem zufrieden sein, was uns wirtschaftlich gegeben ist".
Gewichtige Gegenargumente lieferte Uschi Britz (Grüne): Sie sprach von einer enttäuschenden und fragwürdigen Konzeption ("Was haben die Kopten mit dem Reichstag 2012 zu tun?") und einer ungenutzten Chance. Auch Karl-Josef Gilles (FDP), von Beruf Historiker, forderte ein "zugkräftigeres Thema".
Einen bemerkenswerten Vorschlag machte Johannes Verbeek (Linke): Die Stadt solle zur angemessenen Würdigung des runden Reichstags-Jubiläums Bundesmittel beantragen. Schließlich sei ein vom Kaiser einberufener "Reichstag" die Frühform einer umfassenden gesetzgebenden Versammlung. Holkenbrink versprach, "in Berlin nachzufragen, auch wenn ich das für sehr unrealistisch halte".
Unabhängig davon sollen die Ausstellungs-Planungen auf einmütigen Ratsbeschluss nun im Kulturausschuss weiterdiskutiert werden.
Meinung
Wer nicht fragt, der nicht gewinnt
Es ist ein ziemliches Unding, dass man die Stadtoberen erst auffordern muss, in Berlin auszuloten, ob es Geld für eine angemessene Aufarbeitung des Themas "Reichstag in Trier 1512 und Heiliger Rock" geben könnte. Längst hätten OB und Kulturdezernent, aber auch Bundestagsabgeordnete beim Bundespräsident Köhler und/oder Kulturstaatsminister Neumann auf der Matte stehen müssen - und nicht nur zum Betteln. Dass Dezernent Ulrich Holkenbrink nun sagt, er sehe so etwas als unrealistisch an, zeugt von einem eklatanten Mangel an Visionen und wenig Glauben an die Alleinstellungsmerkmale Triers. Eine Jubiläums-Briefmarke, eine Sondermünze, vielleicht sogar eine Fernsehdokumentation - Vorschläge sind nur dann wirklich schlecht, wenn man sie gar nicht erst macht. Klar: Ein Knüller wie Konstantin-Ausstellung 2007 lässt sich 2012 nicht wiederholen, weil Glücksfälle jener Art noch rarer sind als Heilig-Rock-Ausstellungen. Aber etwas mehr als eine Ausstellung Koptischer Textilien aus eigenem Bestand als städtischer Beitrag zum nächsten großen Trier-Jubiläum sollte bitteschön schon drin sein! r.morgen@volksfreund.de