Kein Gesetz und wenig Geschichtsbewusstsein: Erst als Trier Modellstadt im Europäischen Denkmalschutzjahr 1975 war, änderte sich die Einstellung zu historischen Bauten.

Trier : Als die alten Buden „weg mussten“

Kein Gesetz und wenig Geschichtsbewusstsein: Erst als Trier Modellstadt im Europäischen Denkmalschutzjahr 1975 war, änderte sich die Einstellung zu historischen Bauten.

Wie geht Trier mit seinem historischen Erbe um? Eine spannende und immergrüne Frage, der sich nun wieder einmal ein Heer von Fachleuten widmet: Die Jahrestagung der Vereinigung der deutschen Landesdenkmalpfleger (VDL) geht vom 10. bis 13. Juni in Deutschlands ältester Stadt über die Bühne (TV-Freitagausgabe). Unter dem Motto „Europäisches Kulturerbe 2018 – Erinnerung und Aufbruch“ schlägt sie einen Bogen ins Jahr 1975, dem Europäischen Denkmalschutzjahr. Passenderweise. Damals war Trier eine von europaweit 50 Modellstädten.

„Dass wir neben Rothenburg ob der Tauber, Xanten, Alsfeld und Berlin-Kreuzberg für die Bundesrepublik mit dabei sein durften, war für uns ein wahrer Segen“, erinnert sich Helmut Lutz. Der 85-Jährige war damals Leiter der Denkmalpflegeabteilung, die dem Hochbauamt angegliedert war. Es waren wilde Zeiten, und Denkmalpflege hatte einen schweren Stand. Lutz formuliert es so: „Die Gesellschaft war dem Schutz historischer Bauten nicht sonderlich zugetan.“ Motto: Weg mit den alten Bruchbuden, wir wollen Modernes! Und die bekam Trier reichlich. Vielleicht bekanntestes Beispiel: das Hotel Porta Nigra. Noch keine hundert Jahre alt, musste es 1966 für einen rentableren Neubau weichen. Das Vereinshaus Treviris, 1896/1900 erbautes Festhaus der katholischen Arbeitervereine, ereilte das Schicksal des Teilabrisses 1974/75, übrig blieb eine Ruine, die erst Anfang der 1980er von der Bildfläche verschwand. Oder das Haus am Simeonstiftplatz, in dem 1860 Schriftstellerin Clara Viebig das Licht der Welt erblickte. Samt dem dahinter verlaufenden mittelalterlichen Thomasgässchen wurde es in den späten 1960er Jahren für den Neubau eines Geschäfts- und Bürohauses geopfert. Lutz: „Mir blutete das Herz, aber wir konnten nichts ausrichten.“ Es gab nämlich, im Gegensatz zu anderen Bundesländern, noch kein Denkmalschutzgesetz in Rheinland-Pfalz.

So hing viel von der Überzeugungskraft von Lutz und seinem Kollegen Rainer Thelen (76) ab. Denkmalpflege – in der Praxis bedeutete das, mit Eigentümern historischer Immobilien oder Investoren Kompromisse zu erarbeiten, Kontakte zu Architekten, Handwerkern und Historikern zu pflegen und auf Baustellen vor Ort zu sein – zur Kontrolle, aber auch zur Beratung. Lutz: „Glücklicherweise konnten wir vielfach auf Unterlagen von Friedrich Kutzbach zurückgreifen.“ Triers erster Stadtkonservator hatte bis zu seinem Tod 1942 systematisch und über viele Jahre hinweg ehrenamtlich Bauforschung betrieben.

Auf der Basis von Kutzbachs Arbeitsergebnissen schufen Lutz und Thelen die planerischen Voraussetzungen für den Wiederaufbau der Steipe: Das spätmittelalterliche Repräsentations- und Empfangshaus der Trierer Bürgerschaft war bei einem Bombenangriff 1944 komplett zerstört worden. 25 Jahre lang klaffte an seiner Stelle eine schmerzhafte Lücke am Hauptmarkt. Nach drei Jahren Bauzeit war Ende Juli 1970 feierliche Wiedereröffnung. Ironie des Schicksals: Es war einer der sonst von Denkmalpflegern so gefürchteten Investoren, in diesem Fall die Kölnische Versicherung, der dem Stadtbild Gutes tat.

Die Wende im Umdenken brachte Jahr das Jahr 1975. Lutz: „Wir hatten plötzlich Geld für Öffentlichkeitsarbeit, konnten Broschüren herausgeben und mit Fotodokumentationen die Bedeutung der historischen Bausubstanz Triers herausstellen. Ich glaube, da haben viele Trierer Stolz für ihre Stadt entwickelt.“

Dass Rheinland-Pfalz 1978 endlich ein Denkmalschutzgesetz erhielt, führt Lutz ebenfalls „nicht zuletzt auf die Initialzündung“ von 1975 zurück. Für Hotel Porta Nigra, Treviris und Clara-Viebig-Haus war es jedoch zu spät.

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