Kein Mord ohne Michels

Mit mehr als 220 Tötungsdelikten hatte es Bernd Michels (63) in seinen 27 Jahren als Chef der Trierer Mordkommission zu tun. Morgen geht er in Ruhestand - und ist bei aller Freude über eine stressfreie Zukunft traurig, weil er zwölf ungelöste Fälle hinterlässt.

Trier. Frisch abgetrennte Gliedmaßen, gefunden im Hochwald bei Gusenburg - der Dienstbeginn als Leiter der Mordkommission des Polizeipräsidiums Trier Anfang 1982 lässt keinen gemütlichen Einstand im Kollegenkreis zu.

Als wenige Tage später klar ist, dass die Körperteile von einem Mann aus Leiwen (VG Schweich) stammen, erschlagen und zerstückelt von seiner Frau, geht es für Bernd Michels und sein Team ohne Atempause weiter: Raubüberfall am Trierer Kornmarkt, 200 000 Mark Beute. Dann wird in einem Lavasteinbruch die verbrannte Leiche des 19-jährigen Gerolsteiners Ulrich Oehms gefunden. Und damit beginnt für Michels etwas, "das mich niemals in Ruhe lassen wird". Der Fall Oehms ist ungelöst. So wie elf andere aus seiner Zeit als Mordkommissions-Leiter.

Dennoch: Die Bilanz ist überdurchschnittlich gut. Die Ermittlungen in weit mehr als 600 Fällen von Mord, Totschlag, Bankraub, Geiselnahme, Entführung und Bombendrohung wurden in der Ära Michels erfolgreich abgeschlossen. Eines der größten Erfolgserlebnisse ist die Überführung des Täters, der 1983 die japanische Studentin Mutsuko Ayano in Trier totgetreten hat. Der Fall machte weltweit Schlagzeilen. Die Ermittler hatten keinen Anhaltspunkt. Als wenige Wochen später in Regensburg der 20-jährige Janusz Komar gefasst wurde, der dort mit brutalen Stiefeltritten ins Gesicht eine Blumenhändlerin umgebracht hatte, ahnte Michels: "Das ist unser Mann. Wir sind nach Regensburg gefahren und kamen mit einem Geständnis zurück."

Wegbegleiter nennen Michels, der sechs Auftritte in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY…ungelöst" hatte", eine "Idealbesetzung" für einen Kripo-Mann. Dabei sollte der aus Lorscheid (VG Ruwer) stammende "Junge vom Dorf, der mit zwölf Jahren nach der Schule das Feld gepflügt hat, weil ich nach dem frühen Tod meiner Mutter als ältestes von drei Kindern Verantwortung übernehmen musste", Landwirtschaft studieren. Die Stiefmutter kam auf die Polizei-Idee.

Gute Idee, denn der verhinderte Agrar-Fachmann empfindet den Job als "Beruf und Berufung". Erste Dienststelle nach zweijähriger Ausbildung war ab 1. April 1968 die Gendarmerie Daun. Nach drei Jahren wechselte Michels nach Trier, 1973 übernahm er die Leitung des neu geschaffenen Rauschgiftkommissariats. Da war er 26 und die Region Trier mit Tausenden US-Soldaten ein besonders heißes Pflaster. Da kommen dem 63-Jährigen spontan Erinnerungen an zeitweilig mehr als 100 Drogenabhängige allein in Trier, an 20 Kilo Haschisch, die ein GI unter dem Altar in Birtlingen (bei Bitburg) versteckt hatte, an den Heroin-Toten in der Wohnung des Bitburger Bürgermeisters und an Ferenc Palinko, gegen den er wegen Drogenhandels und Hehlerei ermittelte. 1979 die Verurteilung zu fünfeinhalb Jahren Haft.
Fall Tanja Gräff macht Michels schwer zu schaffen



Morgen wird Bernd Michels verabschiedet. Einerseits ein Grund zur Freude: "Monate mit bis zu 300 Arbeitsstunden und viel Stress - das ist jetzt vorbei." Der CDU-Mann hat mehr Zeit für Gattin Astrid und will in der Kommunalpolitik (seit 1994 im Stadtrat, seit Juni Ortsvorsteher von Trier-Kürenz) durchstarten. "Aber mich bedrückt, dass ich meinem Nachfolger Christian Soulier ein Dutzend ungelöster Fälle aus meiner Zeit hinterlassen muss." Angefangen von Ulrich Oehms über Beatrice Hemmerle (1989 in ihrer Wohnung am Weidengraben in Trier erstochen) bis hin zu Tanja Gräff. Der Fall der vermissten Studentin aus Korlingen nagt ganz besonders an Michels. Am 7. Juni 2008 - auf den Tag genau ein Jahr nach ihrem spurlosen Verschwinden - erlitt er einen Herzinfarkt.

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