Kinder hinter Gittern

Im Zentralgefängnis von Monrovia herrscht das Recht des Stärkeren. Auch Kinder gehören zu den Insassen. Um diese kümmerte sich bisher niemand. Bruder Lothar Wagner aus Aach versucht ihnen in der Not zu helfen.

Aach/Monrovia Sieben Jahre lang setzte sich Bruder Lothar Wagner von der Ordensgemeinschaft Don Bosco (siehe Kasten) in Sierra Leone für die Ärmsten der Armen als Leiter des landesweit größten Jugendzentrums ein. Für seinen erfolgreichen Kampf gegen die Ebola-Epidemie spendeten TV-Leser fast 10 000 Euro. Danach plante der 43-Jährige eine Auszeit, die er jedoch unterbrechen musste: Er wurde an anderer Stelle gebraucht. Seit Anfang 2017 arbeitet der studierte Theologe und Sozialarbeiter in der Hauptstadt Monrovia, wo er die Don Bosco- Niederlassung in einem der am wenigsten entwickelten Länder der Welt übergangsweise leiten soll. Die Menschen leiden trotz des Reichtums an Rohstoffen wie Gold und Eisen unter den Folgen des 14-jährigen Bürgerkriegs, der 2005 endete, sowie der Ebola-Epidemie, die das Land 2014 mit voller Wucht traf. Fast sprachlos machten Bruder Lothar die katastrophalen Bedingungen bei seinem ersten Besuch im Zentralgefängnis des Landes. Da es im westafrikanischen Staat kein Jugendgefängnis gibt, sind dort Kinder und Jugendliche im heillos überfüllten Zentralgefängnis eingekerkert. Ohne formelles Verfahren und Rechtsbeistand sind sie dort auf sich allein gestellt - und der Willkür älterer Insassen ausgeliefert. Sofort initiierte der 43-Jährige für die Schwächsten Hilfsmaßnahmen, etwa eine Essens- und Kleiderausgabe. Zudem startete er einen Aufruf über die TV-Initiative "Meine Hilfe zählt". Was konnte die Hilfe der Leser aus der TV-Initiative "Meine Hilfe zählt" zum Kampf gegen die größte Ebola-Epidemie aller Zeiten in Sierra Leone beitragen?WAGNER Durch die Hilfe der TV-Leser konnte unsere Telefon-Hotline während der Ebolakrise ausgebaut werden. In normalen Zeiten beraten sechs Sozialarbeiter die Kinder am Telefon. In der Ebola-Zeit waren es dann 48 Sozialarbeiter, die rund um die Uhr den sprunghaft angestiegenen Beratungsbedarf sowie die Kriseninterventionen bedienten. Vor allem aber konnte durch "Meine Hilfe zählt" schnelle und unbürokratische Hilfe geleistet werden. Darauf kam es in der Ebolakrise an: direkte und unmittelbare Hilfe für junge Menschen. Dafür bin ich sehr dankbar.Warum gingen Sie Anfang des Jahres nach Liberia und unterbrachen damit Ihre einjährige Pause?WAGNER Es gab unerwartet einen schwerwiegenden personellen Engpass in unserer Niederlassung in Monrovia, der Hauptstadt Liberias, sowie andere gewichtige Gründe. Schlussendlich konnte ich dann die Bitte meines Ordensoberen nicht ausschlagen, meine von ihm selbst initierte Kreativitätspause in Paris zu beenden.Warum arbeiten Sie mit Ihrem Team im Zentralgefängnis Liberias? WAGNER Zu meinen ersten Aufgaben gehörte es, mit einem Expertenteam eine Situationsanalyse der Kindernot in Monrovia zu erstellen und zu schauen, ob wir Salesianer in Liberia den Finger noch am Puls der Zeit haben. Bei dieser zugegebenermaßen trockenen analytischen Arbeit sind wir mit Kindern, die im Zentralgefängnis in Monrovia eingepfercht sind, in Kontakt gekommen und haben sofort ein Rehabilitationsprojekt gestartet. Es herrscht dort für viele Gefangene, vor allem für die Kinder, Gefahr für Leib und Leben.Wie unterscheidet sich denn das Zentralgefängnis in Monrovia etwa von Gefängnissen in Deutschland?WAGNER Es ist einfach kein Vergleich möglich, da jeder Vergleich die Lebensumstände im Zentralgefängnis in Monrovia verharmlosen würde. Fakt ist, dass bis zu zwölf Gefangene in Zehn-Quadratmeter-Zellen eingekerkert sind, schlechte und unzureichende Ernährung erhalten, jahrelang ohne Anklageschrift verzweifelnd absitzen sowie unter brutalen und rauen Umgangsformen leiden. Mittendrin sind viele Minderjährige anzufinden. Wie ist die Situation der Kinder?WAGNER Wollen die Kinder im Gefängnis überleben, brauchen sie einen älteren Beschützer, dem sie sich allerdings unterwerfen müssen. Das kann dann bedeuten, dass zum Beispiel die Kinder nachts den Älteren die Moskitos vom Hals halten oder einfach in der überhitzten Zelle frischen Wind machen müssen. Diese entmündigende Drangsalierung bis hin zur sexuellen Ausbeutung hinterlässt bei den Kindern schwerste körperliche und seelische Schäden. Wenn man dann bedenkt, dass einige Kinder unverschuldet einsitzen, ist das nur noch schwer zu ertragen.Was hat Sie am meisten an der Lage der Kinder berührt?WAGNER Ein damals 17-Jähriger Jugendlicher hatte sich als homosexuell geoutet. Er wurde daraufhin von seiner Familie ausgestoßen und von der Nachbarschaft fast zu Tode geprügelt. Homosexualität ist nicht nur ein Tabuthema in Liberia, sondern wird sogar verfolgt; und oftmals durch den Straßenmob bestraft. Schwerverletzt landete er schließlich mit dem Vorwurf im Gefängnis, einen kleinen Jungen vergewaltigt zu haben. Zudem leidet er unter einer schleichenden Erblindung. Für solche jungen Menschen dasein, die sonst niemanden haben, ist Aufgabe der Salesianer Don Boscos: Dasein, wo es brennt.Was ist Ihr größter Widersacher im Einsatz für ein besseres Leben der Kinder und Jugendlichen?WAGNER Eine korrupte Regierung und mangelnde Ressourcen bei Polizei und Justiz mit all ihren fatalen Folgen. Vor allem aber mangelt es einfach an guten Vorbildern, die den Kindern Orientierung geben. Das Stadtbild in Monrovia ist geprägt durch Kinderprostituierte und Drogensüchtige. Die Gesellschaft verwahrlost. Konkret haben wir es nach der Ebolakrise in Liberia mit einer neuen, sich rasant ausbreitenden epidemischen Krankheit zu tun: einem hohen Heroinkonsum von jungen Menschen aus allen gesellschaftlichen Milieus. Die daraus resultierende Beschaffungskriminalität verursacht ein nationales Sicherheitsproblem. Der Heroinkonsum selbst ist die Folge von dysfunktionalen Familienstrukturen, hoher Arbeitslosigkeit und großer Perspektivlosigkeit nach dem langen, äußerst brutalen Bürgerkrieg.Was müsste als Nächstes passieren?WAGNER Die Regierung ist überfordert und Don Bosco-Homes kann die Probleme alleine nicht lösen. Daher bedarf es einer konzertierten Aktion von lokaler sowie internationaler Regierung sowie der Nichtregierungsorganisationen. Da hat sich in den letzten Wochen schon etwas bewegt. Eine Inter-Agency Task Force wurde von der UN einberufen. Ich arbeite dort derzeit im Bereich der Rehabilitation mit und überprüfe derzeit mit anderen Experten, ob ein Methadon-Substitutionsprogramm im Kampf um die Drogenabhängigkeit in Liberia umgesetzt werden kann. Das würde die Beschaffungskriminalität rasant sinken lassen, und damit letztendlich auch die überfüllten Gefängnisse.Extra: DON BOSCO

Die katholische Ordensgemeinschaft der Salesianer Don Boscos ist nach den Jesuiten die zweitgrößte in der katholischen Kirche mit 14 000 Ordensleuten in 132 Ländern. Gegründet wurde der Orden von dem italienischen Priester Don Bosco (1815-1888). Er widmete sein Leben der Arbeit mit Straßen- und Knastkindern, um die sich der Orden heute noch vorrangig kümmert.Extra: HILFE FÜR GEFÄNGNISKINDER IN LIBERIA

(Projektnummer: 52208) Bruder Lothar und seine Mitarbeiter von Don Bosco Homes in Monrovia gehen täglich ins überfüllte Hauptgefängnis des Landes um Knastkinder und Kranke zu versorgen. Essen ist dort Mangelware. In regelrechten Verteilungskämpfen setzt sich der Stärkere durch. Um die Schwachen kümmerte sich niemand - bis jetzt. Werden Sie Teil der Hilfe und spenden Sie für die Ärmsten der Arme. Essens- und Kleiderausgabe, medizinische Betreuung und Rechtsbeistand, Schulunterricht und Einzel- und Gruppengespräche.