Kinder- und Jugendpsychiatrie am Mutterhaus Trier: Ohne Unterricht funktioniert keine Therapie

Kostenpflichtiger Inhalt: Gesundheitsversorgung : Nur mit Schule klappt die Therapie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Mutterhaus Trier gehört Schule zum Alltag. Warum ein neues Gebäude die Erfolgschancen deutlich verbessert.

In bunten Lettern ist auf den Glasscheiben zu lesen, was sich hinter der Tür mit dem lilafarbenen Metallrahmen verbirgt. „Schule“ steht da. Daneben, noch verspielter und ebenso bunt, finden sich die Graffiti für Mathe, Französisch und Englisch. „Wir wollen hier eine einladende Atmosphäre schaffen“, erklärt Dr. Günther Stratmann, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum Mutterhaus beim Blick auf die vielen Aufkleber. Der gewünschte Eindruck zeigt sich auch in den Räumen der „Schule“, in denen Kinder und Jugendliche in Kleingruppen während ihres Klinik-Aufenthalts unterrichtet werden. Die Stimmung wirkt ruhig und freundlich. Gespräche mit den jungen Patienten sind aber nicht erlaubt.

Durchschnittlich drei Monate werden die Kinder und Jugendlichen, die mit ihrem Leben nicht mehr alleine zurechtkommen, in der Klinik stationär behandelt. Manche müssen aber deutlich länger bleiben. „Viele der Kinder haben massive Schulprobleme“, sagt Stratmann. „Deshalb ist es sehr wichtig, dass sie während der Behandlung auch ein schulisches Setting bekommen. Das ist wichtig für die Reintegration in den Alltag.“

Neun Lehrerinnen kümmern sich um die derzeit 30 stationär untergebrachten jungen Patienten und die zehn Kinder und Jugendlichen der Tagesklinik. Mit dem Neubau, der gegenüber seit Wochen in die Höhe wächst, wird sich die Zahl jeweils um zehn Plätze erhöhen. Unterricht gibt es auch dann an zwei Stunden täglich für die Jüngeren. Die Älteren proben die Schulsituation im möglichst realitätsnahen Umfeld an drei Stunden am Tag. „Das ist wichtig“, erläutert Chefarzt Stratmann, denn für Kinder ist Schule ein sehr wesentlicher Ort für die persönliche Entwicklung. Wir arbeiten hier nicht in einer Glocke und haben immer Kontakt zu den Regelschulen unserer Patienten.“

Jana Alt ist Koordinatorin für den Krankenhausunterricht, der in Rheinland-Pfalz offiziell nicht als Schule bezeichnet werden darf. Nur sie und eine weitere Kollegin arbeiten in Vollzeit für das Klinikum. Die sieben anderen Lehrerinnen unterrichten in Teilzeit und arbeiten jeweils auch an ihren Stammschulen. „Alle haben sich für die Arbeit hier im Mutterhaus beworben“, sagt Jana Alt. „Wir alle sind sehr motiviert und bei jeder Teambesprechung der Therapeuten dabei.“

Die jüngsten Patienten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sind fünf Jahre alt. Sie benötigen ganz andere Unterstützung als jugendliche Realschüler oder Gymnasiasten, die kurz vor dem Abitur stehen. Deshalb gibt es vier unterschiedliche Lerngruppen, die nach Altersstufen gegliedert sind. „Wir arbeiten in Kleingruppen sehr differenziert auch nach Leistungsfähigkeit mit unseren Schülerinnen und Schülern“, sagt Alt. „Geprobt wird auch die Klassensituation mit mehr Kindern.“

Die Zahl der Kinder im Erstklässler-Alter nehme immer mehr zu, bedauert Günther Stratmann. Gleichzeitig müssten die Bedürfnisse der Jugendlichen befriedigt werden, bei denen Schule das Einzige sei, was noch funktioniere. Typisch ist das für junge Frauen mit Essstörungen. Für die ist es besonders wichtig zu wissen, was während ihrer Behandlung in ihrer Schule passiert. Doch die Angst, etwas zu verpassen, nehmen Jana Alt und ihre Kolleginnen den Jugendlichen. „In der Regel haben diese Patientinnen nach ihrem Aufenthalt hier sogar einen höheren Wissensstand als die anderen in ihrer Klasse oder ihrem Leistungskurs.“

Ziel ist es, dass jeder der jungen Patienten von dem Aufenthalt in der Klinik auch schulisch profitiert. Keine einfache Sache. Aber der fünf Millionen teure Neubau soll zumindest die räumlich beengte Situation beenden. Auch auf die bessere technische Ausstattung in der neuen „Schule“ freuen sich die Lehrerinnen. „Wir können den Unterricht dann noch einmal neu strukturieren und besser mit den jungen Menschen arbeiten“, ist Jana Alt überzeugt.

Weil es der Neubau ermöglicht, im bisherigen Schulbereich zehn zusätzliche stationäre Plätze einzurichten, wird das insgesamt zu einer Verbesserung der Situation beitragen. Chefarzt Günter Stratmann: „Je mehr Patienten wir haben, desto besser können wir unsere Angebote differenzieren.“

Hier geht es zum Unterricht in der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum Mutterhaus. Chefarzt Dr. Günther Stratmann und Koordinatorin Jana Alt zeigen den Weg. Foto: Rainer Neubert

Auch die Erweiterung der Tagesklinik auf 20 Plätze werde dazu beitragen.

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