Kinderlähmung: Welt-Poliotag warnt vor gefährlicher Krankheit

Trier/Konz · Krankheiten, die seit Jahrzehnten als nahezu ausgerottet gelten, werden wieder zur Gefahr, wenn sich weniger Menschen impfen lassen. Das gilt etwa für Polio, die Kinderlähmung. Dafür soll der heutige Welt-Poliotag sensibilisieren. Peter Musti leidet seit einem halben Jahrhundert an den Folgen der Krankheit.

Trier/Konz. Poliomyelitis, besser bekannt als Kinderlähmung, ist heute in Europa fast ausgerottet. Doch die Zahl der Menschen, die dagegen geimpft ist, nimmt ab. Gleichzeitig breitet sich das Virus in Afrika und Asien wieder aus. Ein Mann aus der Region schildert, wie die heimtückische und hoch ansteckende Krankheit vor einem halben Jahrhundert sein Leben verändert hat.

Es war im Sommer 1961, ein Freitag. Der 14-jährige Peter Musti aus Konz hatte gerade für seine Mutter ein paar Besorgungen gemacht. "Auf dem Rückweg hatte ich bei jedem Schritt den Eindruck, mein Kopf platzt", erinnert er sich. Am nächsten Tag bekam er Fieber, am Sonntag kippte er vor dem Bad um. "Mein rechtes Bein hat einfach nachgegeben. ,Tu doch nicht so, als ob du so krank wärst', sagte meine Schwester."
Doch Peter hatte nicht nur die Grippe. "Ich hatte Rückenschmerzen, und mein rechter Arm war gelähmt. Mein Arzt hat sofort Polio diagnostiziert." Er war kein Einzelfall: "In der Region gab es damals eine kleine Polio-Epidemie, ich kenne noch mehrere Fälle."

Peter Musti kam für fünf Tage ins Brüderkrankenhaus. Dort dämmerte dem begeisterten Fußballer langsam, was die Krankheit für ihn bedeutete. "Ich habe bitterlich geweint, eine Krankenschwester hat versucht, mich zu trösten."

Anschließend verbrachte er zehn Wochen im damaligen Bürgerhospital St. Irminen und wurde dann in die damalige orthopädische Klinik im Neuwieder Stadtteil Engers überwiesen, wo er bis Dezember 1962 bleiben musste.

"Es gab Massagen und Gymnastik, aber die meiste Zeit wurde man dort nur aufbewahrt", erinnert er sich bitter an diese Zeit. Sein rechter Arm erholte sich weitgehend, doch seine Beine sind nach wie vor gelähmt- eins zu 100, das andere zu 96 Prozent. Die Krankheit hatte im Rückenmark Nervenstränge zerstört und so die Befehlskette vom Hirn zu den Gliedmaßen unterbrochen. Fast 40 Jahre lang bewegte sich Peter Musti mühsam auf Krücken vorwärts: "Das war einfach eine psychologische Sache für mich. Aber der Rollstuhl hat meinen Aktionsradius enorm erweitert."

Heute ist der gelernte Industriekaufmann und Betriebswirt, der vielen Trierern durch seine Live-Sendungen im Bürgerfernsehen Offener Kanal bekannt ist, mit einem elektrischen Rollstuhl unterwegs. "Meine Lebensqualität ist hoch, ich lebe sehr selbstständig", sagt der 65-Jährige, der drei Söhne und vier Enkel hat. "Die Situation in Trier hat sich in den letzten Jahren erheblich gebessert in Sachen Barrierefreiheit."

Seit zwei Jahren ist Rentner Peter Musti in Konz ehrenamtlich als Behindertenbeauftragter tätig. Er gibt Stellungnahmen zum Thema Barrierefreiheit ab und berät Menschen mit vielfältigen Behinderungen. "Behinderte gibt es eigentlich nicht", stellt er fest: "Es ist das Umfeld, das uns behindert." DQ
Extra

Der Welt-Poliotag fällt auf den Geburtstag des US-Bakteriologen Jonas Salk, der 1955 den Polio-Impfstoff entwickelte. Poliomyelitis, Kinderlähmung, befällt die muskelsteuernden Nervenzellen des Rückenmarks und kann zu bleibenden Lähmungserscheinungen bis hin zum Tod führen. Die Impfung beginnt ab dem dritten Lebensmonat mit Auffrischung zwischen dem 9. und 18. Geburtstag. Erwachsene haben einen ausreichenden Impfschutz, wenn sie viermal im Kindes- und Jugendalter geimpft oder als Erwachsene grundimmunisiert wurden. DQ