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Kitschfreier Seelen-Striptease

Kitschfreier Seelen-Striptease

"Gefühlte Nähe" heißt nicht nur der neue Roman des Kult-Kolumnisten Harald Martenstein. Gefühlte Nähe hat sprichwörtlich in der Luft gelegen, als der Journalist in Schweich vor vielen Zuhörern aus seinem zweiten Buch vorliest.

Schweich. (sbn) Der leitende Redakteur beim "Berliner Tagesspiegel" und renommierte "Zeit"-Kolumnist mit intelligent-launiger Feder, Harald Martenstein, ist derzeit im Zweitberuf als Romanautor unterwegs. Gestern Dortmund, heute Schweich, morgen Köln. Mit sonorer Stimme, sparsamer Gestik und wohlgesetzter Artikulation zieht der 58-Jährige seine Zuhörer mitten hinein ins pralle Beziehungschaos unserer Tage. Es geht um Liebe und Sex und all die Turbulenzen, die Beziehungen so schwierig machen. Im Mittelpunkt: eine eigensinnige und schöne Frau, im Buch nur "N" genannt.

Der Clou des Buches ist die Erzählperspektive. Alles, was der Leser über "N" und ihr Leben weiß, erfährt er durch die 23 Liebhaber, die ihren Weg kreuzen. "Serielle Monogamie" nennt es Martenstein, während er gnadenlos ehrliche Einblicke in die Gedankenwelt seiner Artgenossen gewährt und ihr Paarungsverhalten beinahe nüchtern analytisch seziert.

"Es ist kein komischer Roman", sagt Martenstein, "obwohl es viele komische Stellen gibt." Es sei auch nicht unbedingt ein Frauenbuch, eher ein Buch über Männer. Kitschfreier Seelen-Stripease ohne rosarote Brille. Frustration eingeschlossen.

Das Gläschen Wein, das die Schweicher Buchhändler, Kordula und Thomas Brausch, zum Abschluss anboten, wurde denn auch von so manch weiblichem Gast süffisant lächelnd als Seelentröster genossen. "Gefühlte Nähe" eben.