Plattkolumne : Blechschaden

Es gibt Situationen, da fehlen dem Trierer die Worte. Nämlich immer dann, wenn es um das Ausdrücken von Empfindungen geht. Nicht, dass wir Trierer etwa gefühlskalt wären oder herzlos, so ist das nicht.

Es fällt uns nur einfach furchtbar schwer, über so abstraktes Zeug zu reden. So sucht man denn auch vergeblich nach Trierischen Entsprechungen für Begriffe wie Trauer, Zuneigung, Liebe, Traurigkeit, Mitleid oder Zärtlichkeit.

Ich kann mir zum Beispiel überhaupt nicht vorstellen, wie eine Liebeserklärung auf Trierer Platt klingen sollte. Auch das Trierer Wörterbuch hilft uns in solchen schwer abstrakten und emotionalen Situationen nicht weiter. 

Wo das Wörterbuch helfen kann, und zwar ausführlich, ist dort, wo es um Konkretes geht. Für alles, was man sehen, anfassen und praktisch tun kann, gibt es eine Unmenge von Mundartausdrücken. Häufig ist unser Trierer Platt reicher und präziser als das Hochdeutsche. Sehr treffend lässt sich diese Vielfalt von sprachlicher Differenzierung am Beispiel eines Blechschadens beim Auto erklären. Im Hochdeutschen haben wir dafür eigentlich nur einen Begriff, und der heißt Beule. Fertig!

Je nach deren Ausmaß hat der Trierer Automobilist dagegen gleich vier Wörter für diese besagte Beule, und er unterscheidet sehr fein zwischen der harmlosen Piez, der Tuddsch und schließlich der schwerwiegenden Baus und der Knubb.

Schauen wir mal genau hin:

Die Piez ist eine kleine Sache. Beim Auto ist es ein Kratzer, beim Porzellan eine unbedeutende Beschädigung und bei der menschlichen Haut eine Verletzung, die mit einem Heftpflaster behandelt wird.

Die Tuddsch ist eine Beschädigung, bei der etwas fest nach innen gedrückt wird. Es ist der typische Schaden, der beim Einparken schon mal auftritt. Zur Tuddsch gibt es auch ein Verb, nämlich tuddschen. Columbus hat das berühmte Ei getuddscht (oder gedäddscht), dann konnte es nicht mehr umkippen. Menschen können auch „enn Tuddsch haonn“. Dann sind sie „betuddscht“, das heißt blöde.

Die Baus ist beim Auto eine richtig ordentliche Beule. Dabei ist im Trierer Platt die Baus eigentlich eine Verformung, die nach außen gewölbt ist, also zum Beispiel eine Beule am Kopf. Beim Auto geht sie aber nach innen. Menschen, die „enn Baus haonn“ sind merkwürdige und närrische Zeitgenossen. Die Knubb ist ein wirklich gravierender Schaden. Damit muss das Auto schon eine paar Tage in die Werkstatt. Auch die Knubb ist, wenn sie nicht beim Auto auftritt, eigentlich eine Erhebung oder eine Bergkuppe. Und wenn jemand sagt „Eisch haonn suu en Knubb!“ (verbunden mit einer Handbewegung zum Hals, die einen Kropf andeutet) dann will er damit sagen, dass er sich gewaltig über irgendetwas ärgert. Soviel zu Knubben u Bausen.

Schnell nochmal zurück zum oben Gesagten über unsere Sprachlosigkeit und angebliche Gefühlskälte.

Da gibt es nämlich eine lobende Ausnahme: Diese Ausnahme bilden unsere Mundartdichterinnen und -dichter. Die finden gerne schon mal große Worte, um den Liebreiz der Landschaft, die Liebe zur Heimat und die Schönheit und Treue der Menschen gefühlsselig zu besingen. Aber das ist eine andere Welt.                 Horst Schmitt

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