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Kommentar zu Sexarbeiterinnen im Lockdown: Hohe Hürde, keine Lobby

Meinung : Sexarbeiterinnen im Lockdown: Hohe Hürde, keine Lobby

Die landläufige Vorstellung davon, wie der Besuch bei einer Prostituierten so abläuft, hat offenbar nicht viel mit der Realität zu tun.

Spricht man persönlich mit den Frauen, die dem Job freiwillig und selbstbewusst nachgehen, ergibt sich jedenfalls ein Bild weitab vom Klischee: Manche Freier wollen wohl tatsächlich nur reden, ein bisschen Nähe, oder einfach mal angefasst werden. Alles Dinge, die nicht automatisch eine größere Ansteckungsgefahr bergen als der Besuch bei der Kosmetikerin, im Fingernagelstudio oder bei der Thai-Massage. Dominas arbeiten häufig sogar ganz ohne direkten Körperkontakt. Dazu kommt, dass die Frauen selbst größtes Interesse daran haben, sich nicht bei ihren Freiern zu infizieren.

Klar – bei Null liegt die Ansteckungsgefahr sicherlich nicht. Und dass alle Sexarbeiterinnen alle Hygiene- und Abstandsregeln jederzeit einhalten, wäre auch nicht garantiert. Aber auch anderswo werden die Regeln schon längst nicht mehr konsequent eingehalten – dafür muss man sich nur mal umschauen in so manchen Restaurants, Straßencafés, Frisörsalons oder übervollen Geschäften.

Man stelle sich zudem vor, das Land hätte bei irgendeiner anderen Branche für ein fixes Datum Lockerungen zugesagt – und diese dann wenig später einfach wieder einkassiert. Der Protest wäre riesig gewesen. Auch die neuerliche Ankündigung von Frauenministerin Spiegel zeigt, dass Sexarbeit immer noch nur mit spitzen Fingern angefasst wird: Voraussetzung für Lockerungen sei ein einheitliches Vorgehen der Bundesländer, betont die Ministerin. Was für ein Witz! Das wurde in der Corona-Krise – auch als die Infektionsraten noch viel höher waren – noch für keinen anderen Bereich, weder bei den Restaurants, privaten Feiern, den Regeln für öffentliche Veranstaltungen oder auch nur für Schulen und Kitas verlangt. Aber für Prostituierte kann man die Hürde natürlich mal aufbauen – eine Lobby, die sich zur Wehr setzen könnte, haben die Frauen ja ohnehin nicht.

c.wolff@volksfreund.de