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Kordel am Tag nach der Katastrophe - Ängste und riesige Hilfsbereitschaft

Nach dem Hochwasser : Riesige Hilfsbereitschaft und ungute Erinnerungen an nächtliche Ängste in Kordel (Fotos)

In Kordel wird nach dem großen Hochwasser gepumpt, geputzt, geräumt. Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und Bundeswehr sind mit Geräten im Einsatz und packen mit an. Die Einwohner helfen sich gegenseitig. Manch einer hat in den vergangenen beiden Nächten Gruseliges erlebt.

Kordel am Tag nach der großen Überflutung: Die Wassermassen haben sich aus den Straßen zurückgezogen. Im etwas tiefer gelegenen Zentrum beim Bürgerhaus sind Schlamm und Müll zurückgeblieben – an vielen Stellen mit einem penetrant riechenden Ölfilm überzogen. Jede Menge Menschen in Feuerwehr- und Bundeswehrmontur sowie in zivilen Gummistiefeln schieben den Schmodder mit Besen und Wischern Richtung Kanal. Stephanie Braunecker ist eine von ihnen. Sie sagt: „Ich wohne etwas höher. Ich habe noch keinen Strom, aber sonst ist alles ok. Da dachte ich, ich helfe hier.“ So wie sie haben es dort wohl einige gemacht. Sie hat sich einen Besen geschnappt und losgelegt.

Auch bei der Apotheke nebenan, bei der die große Fensterscheibe geborsten ist, unterstützen Kordeler aus der weiteren und näheren Nachbarschaft sowie Angestellte die betroffene Familie beim Aufräumen. Den Laden selbst haben die Schlammmassen verwüstet. Der Hausherr, Dr. Wolfram Bär, gibt dennoch freundlich Auskunft: „Die Medikamente haben wir noch eine Etage höher schaffen können. Aber die Inneneinrichtung ist hinüber.“ In das Labor hat er noch gar nicht hineinschauen können, Möbelstücke versperren den Weg. Wie viele andere hatte auch Bär schon Hochwasser im Haus, doch den imaginären Linien zufolge, die er an der Wand zeigt, lag dies einen guten Meter tiefer als die 1,70 Meter von diesem Mal. Versichert ist der Apotheker, aber etwas in dieser Richtung unternommen hat er noch nicht. „Mein Handy ist abgesoffen, da sind alle Nummern drin“, sagt er.  Und die Ordner stehen irgendwo, unsortiert. Bär gesteht: „Ich will mich damit jetzt auch gar nicht befassen, ich funktioniere nur.“ Dann muss er weg. Seine Frau ruft, es wird ein Koordinator gebraucht.

Schräg gegenüber vor dem Haus türmen sich Möbel, Unrat, eine Waschmaschine. Im Erdgeschoss, das nun komplett geräumt ist, war einmal Frank Hagen zu Hause. „Wir haben die beiden vergangenen Nächte hier  im oberen Stockwerk geschlafen. Meine 97-jährige Tante, die nicht mehr gut laufen kann,  konnte nicht evakuiert werden.“ Sie hätte aus dem Fenster hinaus auf eine Leiter ins Boot zu den Rettungskräften steigen sollen. Doch das habe sie im Gegensatz zu seinen Eltern nicht geschafft. In dem Haus inmitten der Wasserfluten Schlaf zu finden, war für Hagen ein schwieriges Unterfangen: „Ich hatte Panik, da war Existenzangst.

Alle halbe Stunde habe ich gegenüber auf das Schild ,Bitte Einfahrt freihalten’ geschaut, wie das Wasser steigt.“ Es sei erschreckend gewesen, was da alles in den Fluten vorbeigetrieben sei: Bänke, Müllcontainer, Tische, das Gut von anderen Leuten eben. Sie seien im Haus komplett abgeschnitten gewesen, das Handy war ohne Strom im Haus irgendwann leer. Die Sanitäranlagen konnte die Familie auch nicht nutzen, weil ja nichts abfließen konnte. Sie hat sich mit einem Eimer beholfen. Der Tante habe Essen, der warme Kaffee und Tee gefehlt. Hagen: „Sie meinte: Das ist ja fast wie im Krieg. Dass ich das noch mitmachen muss!“

Nicht nur Frank Hagen hat nachts gebangt. Ein klein wenig oberhalb wohnt Marie Wagner-Roth. Allein. Sie erzählt: „Ich habe in der Nacht, als das Wasser kam, kein Auge zugetan. Ich habe die ganze Nacht im ersten Stock mit der Nachbarin von gegenüber zusammen aus dem Fenster geguckt und bin dann wieder zur Treppe gelaufen.“

Das Wasser sei rasend schnell näher gekommen. Dann sei es gestiegen bis gerade mal zwei Treppenstufen unter der oberen Etage. Ob es weiter steigt, habe sie sich die ganze Zeit gefragt. Am Tag darauf haben die Rettungskräfte mit dem Boot abgeholt. In ihrer Wohnung sind nicht nur alle Möbel und Elektrogeräte kaputt. Auch die Heizung ist defekt, die Öltanks sind umgefallen und ausgelaufen. Nun muss eine Spezialfirma das Wasser-Ölgemisch aus dem Haus pumpen. Als Marie Wagner-Roth berichtet, wie die Elektrofirma, bei der ihr Sohn arbeitet, geholfen hat mit Material und Pumpen und Arbeitskraft kommen ihr die Tränen. „Dass es so etwas noch gibt“, sagt sie. Und dann meint sie noch: „Ich denke im Ort Schuld ist es schlimmer.“

Auf den Straßen sind derweil immer öfter Dreier- und Vierer-Gruppen von Bundeswehrsoldaten zu sehen. Sie unterstützen Feuerwehr und THW, die Keller leerpumpen und Müll wegräumen. Die Soldaten befragen zudem die Einwohner, wo sie helfen können, und packen beherzt an. Keller sind so in Windeseile  geräumt. Vor immer mehr Häusern stapelt sich der Unrat. Doch auch daran wurde schon gedacht. Bürgermeister Michael Holstein und Landrat Günther Schartz, die am Nachmittag in Kordel unterwegs sind, berichten, dass sie mit dem Zweckverband Abfallbeseitigung Region Trier vereinbart haben, dass die erste Fuhre Sperrmüll am Samstag abgeholt wird. Weiteres werde noch verhandelt, heißt es. Holstein verweist zudem auf eine Welle der Hilfsbereitschaft aus ganz Deutschland. Sach- und Geldspenden seien angeboten worden. Die Verwaltung lenke dies nun in die richtigen Bahnen.

 #hochwasser trier kordel2
#hochwasser trier kordel2 Foto: TV/Marion Maier
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#hochwasser trier kordel2 Foto: Marion Maier
 Frank Hagen vor den Möbleln seiner Wohnung, die das Hochwasser unbrauchbar gemacht hat. Er hat im Wasserumspülten Haus übernachtet und Angst dabei gehabt.
Frank Hagen vor den Möbleln seiner Wohnung, die das Hochwasser unbrauchbar gemacht hat. Er hat im Wasserumspülten Haus übernachtet und Angst dabei gehabt. Foto: Marion Maier

Ganz praktische Hilfe ist bereits mit dem Bollerwagen in Kordel unterwegs. Die Ehepaare Feibel und Wagener bringen Kaffee und Süßes für die Helfer. Angelika Feibel sagt: „Wir sind nicht so betroffen von dem Hochwasser und da dachten wir, wir tun so etwas Gutes.“ Ihr Angebot wird dankend angenommen.