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Krisenstimmung bei Trierer Verein – Corona raubt Kindern die Nestwärme

Kostenpflichtiger Inhalt: Pflege : Krisenstimmung bei Trierer Verein – Corona raubt Kindern die Nestwärme

Die häusliche Kinderkrankenpflege war schon vor der Pandemie finanziell am Limit. Nun hat sich die Lage noch einmal zugespitzt. Doch Aufgeben ist keine Option.

Über die Lockerung der Kontaktsperren freuen sich die Menschen. Endlich wieder Freunde treffen, ins Lieblingscafé gehen oder durch die Fußgängerzone bummeln. Doch für die Familien der vom Verein Nestwärme betreuten Kinder bleibt das nur ein Traum. „Wir haben seit dem Beginn der Corona-Pandemie sogar Oma und Opa gebeten, uns nicht zu besuchen“, sagt Anke Diederich, Mutter der dreijährigen Fine. Ihre Tochter ist schwerst behindert und extrem anfällig für Lungenentzündungen. „Jeder Kontakt könnte Fine das Leben kosten.“

So dürfen lediglich die professionellen Nestwärme-Pflegerinnen die selbst auferlegte Quarantäne der Familie brechen. „Sie unterstützen uns in fünf Nächten der Woche“, ist Anke Diederich froh. Aber auch hier schwingt Sorge mit: „Ein Ausfall, zum Beispiel durch eine Corona-Erkrankung im Team, wäre für uns eine Vollkatastrophe.“

Damit das nicht passiert, hat der hochspezialisierte ambulante Pflegedienst vor einigen Wochen Dienstpläne entwickelt, damit sich die Mitarbeiterinnen der einzelnen Teams nicht begegnen. „Außerdem geht keine Mitarbeiterin zu einem Kind, bevor sie nicht getestet worden ist“, versichert Elisabeth Schuh. Sie ist Geschäftsführerin der gemeinnützigen ambulanten Kinderkrankenpflege-Gesellschaft unter dem Dach des Vereins Nestwärme, der mit seinen 120 Mitarbeitern um das Überleben kämpft.

Denn wie 20 000 andere gemeinnützige Vereine und privat finanzierte Einrichtungen bundesweit leidet Nestwärme, zu dem auch eine Inklusionskita, die Brückenpflege und ein ambulanter Kinderhospizdienst gehören, stark unter den Folgen der Corona-Krise. Schon vorher war die finanzielle Situation wegen der komplizierten Einzelverhandlungen mit den Krankenkassen schwierig. Weil Familienfeste und Benefizveranstaltungen abgesagt wurden, bleiben nun auch noch die Spenden aus. Das Adjektiv „systemrelevant“ würde Elisabeth Schuh gerne zum Unwort des Jahres küren. „Von einer Unterstützung dafür durch die öffentliche Hand merken wir derzeit wirklich nichts.“

Die Corona-Pandemie hat die Situation für Nestwärme, vor allem aber für die betreuten Familien, dramatisch verändert. „Für die Eltern ist das furchtbar“, sagt Vorsitzende Petra Moske. Sie meint damit auch die Schließung der Brückenpflege und der Kita, die inzwischen zumindest in kleinem Umfang als nicht integrativer Notkindergarten wieder läuft. Die ehrenamtliche ambulante Hospizbetreuung wurde komplett eingestellt. Mehr als 100 Familien aus der Region Trier und dem Saarland sind betroffen. „Die Isolation bringt Familien mit chronisch kranken Kindern doppelt an die Grenze“, berichtet Petra Moske. „Dabei bräuchten sie gerade jetzt besonders viel Zuwendung, Hilfe und Nestwärme.“ Die Telefonberatung sei seit Beginn der Beschränkungen explodiert, sagt Geschäftsführerin Schuh. „Jedes Telefonat dauert länger als eine Stunde.“

Alle Nestwärme-Kinder gehören zur Hochrisiko-Gruppe. Viele haben akute Atemprobleme. Deshalb verzichten jene Familien, die sich in der Intensivpflege sicher fühlen, aus Angst vor einer Infektion auf entlastende Hausbesuche. Dafür rufen neue Familien nach Hilfe. Mehr als die derzeit 30 vom häuslichen Pflegedienst betreuten Kinder seien personell aber nicht zu stemmen, bedauern die Verantwortlichen.

Tragisch. Sie nennen den dreijährigen Tim aus Konz als Beispiel. Der künstlich beatmetet Junge könnte aus einem Klinikaufenthalt im Schwarzwald zu seinen Eltern nach Hause gebracht werden, wenn Nestwärme zusätzliche spezialisierte Kinderkrankenpflegerinnen hätte, um ein neues Team zu bilden. „Wir suchen dringend Personal dafür“, sagt Vorsitzende Moske. Mit Hoffnung und Sorge blickt sie auch auf die Verhandlungen über Rahmenvereinbarungen zwischen dem Dachverband der häuslichen Kinderkrankenpflege und den zwei Krankenkassen, die sich dazu bereit erklärt haben. Eine Einigung mit AOK und IHK würde für deren Versicherte, aber auch für Nestwärme, mehr Klarheit und Sicherheit bringen. „Wenn die Corona-Krise noch lange andauert und die Verhandlungen sich hinziehen, überleben wir das nicht“, beschreibt Moske die Situation.

Wie segensreich die Unterstützung durch Nestwärme und sein Netzwerk für die betroffenen Familien ist, betont nicht nur Anke Diederich, die Mutter der kleinen Fine. Christine Wolfram hat ihrem Sohn Arne (12) ein Lied gewidmet, das sie – auch aus Dankbarkeit für das Nestwärme-Team – in einem Muttertagskonzert auf der Facebookseite des Vereins präsentiert hat. Sie singt vom größten Glück und dem tiefsten Leid, dem Zentralgestirn der Familie. „Ohne Nestwärme“, sagt Christine Wolfram, „hätte ich die Kraft dafür nicht gefunden.“