Kulturzentrum Tuchfabrik Trier – Provisorium mit Ablaufdatum

Kultur : Trierer Kulturzentrum Tuchfabrik – Ein Provisorium mit Ablaufdatum

70 000 Besucher kommen jedes Jahr in das Zentrum der freien Kulturszene. Die geplante Theatersanierung bedeutet für die Macher in dem alten Fabrikgebäude große Chancen, aber auch Sorgen.

Der Grundsatzbeschluss für die mindestens 50 Millionen Euro teure Sanierung des Stadttheaters ist getroffen. Wesentliche Voraussetzung für die praktische Umsetzung ist die Frage, wo während der voraussichtlich vierjährigen Bauphase ab 2020 eine große Ersatzbühne zur Verfügung steht. Nach Abwägung diverser Optionen ist die Entscheidung für einen Neubau neben dem Kulturzentrum Tuchfabrik gefallen (der TV berichtete). Das sieben Millionen Euro teure Bauprojekt auf dem Areal des derzeitigen Abenteuerspielplatzes Tufatopolis – er soll an anderer Stelle fortgeführt werden – soll von Beginn an so konzipiert sein, dass es nach der Sanierung des Theaters als neuer großer Saal der Tufa genutzt werden kann.

„Ich habe mir den 14. September 2024 als Einzugstermin in meinen Kalender eingetragen“, sagt Teneka Beckers, die seit 2007 das Kulturzentrum leitet. „Den Wunsch, einen Ersatz für unseren zu kleinen, zu flachen und schlecht klimatisierten großen Saal zu bekommen, gibt es schon seit dem Jubiläum zum 25-jährigen Bestehen im Jahr 2010. So nah an einer Realisierung waren wir noch nie.“

70 000 Besucher kommen in jedem Jahr zu den 400 Veranstaltungen in die ehemalige Tuchfabrik Weber, die vor der 2000-Jahr-Feier Triers von der Stadt gekauft wurde. Die Stadt, maßgeblich unterstützt aus Kreisen der Universität, hatte damals die Notwendigkeit erkannt, für die freie Szene ein kulturelles Zentrum zu schaffen. Unter der organisatorischen Federführung des Dachverbands Tufa e.V. beleben dort derzeit 29 Vereine das breitgefächerte soziokulturelle Angebot. Die ungewöhnliche Rechtskonstruktion zwischen dem Dachverband als Betreiber und der Stadt als Eigentümerin der Immobilie und Dienstherrin der aktuell neun Angestellten funktioniert auch 34 Jahre nach der Gründung überwiegend reibungslos.

Hinter dem Kulturzentrum Tuchfabrik stehen derzeit die Holzbauten der Spielstadt Tufatopolis und geparkte Autos. Hier soll eine neue Spielstätte gebaut werden. Foto: Rainer Neubert

„Wir sind in Trier das Zentrum für Laienkultur, semiprofessionelle Kultur und für die freie Szene“, fasst Teneka Beckers das Selbstverständnis der Einrichtung zusammen und verweist auf die hohe Anerkennung, die diese auch auf Landes- und Bundesebene genieße.

Klaus Reeh steht seit 2011 an der Spitze des Tufa-Dachverbands und ist treibende Kraft, besonders wenn es um die bauliche Sanierung des alten Fabrikgebäudes mit den markanten blauen Fensterrahmen geht. „Jeder Besuch des Ordnungsamtes vor einer Veranstaltung im großen Saal kostet uns die letzte Reihe und damit wichtige Einnahmen“, formuliert er drastisch, warum strengere brandschutzrechtliche Vorgaben das Problem verschärft haben. „Die Tufa ist dringend sanierungsbedürftig“, sagt Reeh und verweist auf alte und zu kleine Künstlerumkleiden, auf die schlechte Toilettensituation, beschränkte technische Möglichkeiten, mangelhafte Klimatisierung und eine Schall- und Wärmedämmung jenseits von Gut und Böse. Das Textorium – die Mieteinnahmen durch den verpachteten Gastronomiebereich sind eine wichtige Einnahmequelle der Tufa – könne nur aufgrund des Bestandsschutzes noch betrieben werden. „Das alles ist ein auf Dauerbetrieb gestelltes Provisorium.“

Auch Klaus Reeh sieht in dem geplanten Saalbau neben der Tufa eine große Chance, die Situation in absehbarer Zeit zu verbessern. Denn wenn die Theatersanierung abgeschlossen ist, soll der Bau erneut als Interimsstandort dienen: für die Tuchfabrik, deren Sanierung nach 2024 folgen soll. „Wir können unser Haus nicht in ein Renovierungskoma versetzen“, verdeutlicht der Vorsitzende. Ebenso wie Geschäftsführerin Teneka Beckers wünscht er sich mit Blick auf die Zukunft den geplanten Bau möglichst schlicht und mit Werkstattcharakter. Es sei die Sorge, dass der Neubau letztlich doch nicht von der Tufa genutzt werden könne, die ihn umtreibe, gibt Reeh zu. „Wenn das zu luxuriös gebaut wird, könnte das Theater darauf bestehen, es auch nach 2024 als zweiten Standort zu nutzen.“

Teneka Beckers will das nicht so deutlich formulieren. Aber auch sie weiß, dass die Karten für die Kulturszene in Trier angesichts der Hiobsbotschaft vom vollkommen maroden Jugendkulturzentrum Exzellenzhaus noch einmal neu gemischt werden könnten. „Wir sind froh, dass wir das Tufagebäude haben“, sagt die Geschäftsführerin. „Aber es hat seine Macken. Fünf Jahre können wir mit denen noch überstehen. Aber dann ist es wirklich höchste Zeit für die Sanierung.“

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