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Kunst und Geschichte in Klinik-Katakomben

Kunst und Geschichte in Klinik-Katakomben

Fast 15 000 französische Soldaten und Familienangehörige lebten Anfang der 1990er Jahre in Trier. Eine besondere Ausstellung arbeitet deren Geschichte auf. Im Heizungskeller des ehemaligen Hospitals auf dem Petrisberg warten Kunst und Zeitdokumente darauf, von Besuchern entdeckt zu werden.

Als das französische Militär am 31. August 1992 das Militärhospital André Genet räumte, war dies ein Symbol für einen neuen Zeitabschnitt auf dem Trie rer Petrisberg. Denn was nach dem Krieg für Jahrzehnte für den größten Teil der deutschen Zivilbevölkerung militärisches Sperrgebiet war, konnte nun einer neuen, zivilen Nutzung zugeführt werden.Bunker und Krisenzentrum


In den alten Heizungskellern des einst mit Atombunker und Krisenzentrum ausgestatteten Klinikgebäudes haben die Kunsthistoriker Ulrike Gehring und Stephan Brakensiek gemeinsam mit Studierenden der Universität einen für Trier einmaligen Kunstraum geschaffen, in dem die Geschichte des französischen Militärs in Trier multimedial präsentiert wird. Besucher erleben dort, wie Kunstgeschichte zum ästhetischen Abenteuer wird.

"Als wir die Räume zum ersten Mal gesehen haben, lagen sie noch im Dornröschenschlaf", erinnert sich Professorin Ulrike Gehring an die Startphase für das Projekt "generator", das seit Ende Oktober für Kunsthistoriker, Geschichtsinteressierte und Kunstliebhaber als Geheimtipp gilt. Denn in dem mit Pfeilern gestützten Kohlekeller warten im Halbdunkel nicht nur fünf Multimedia-Stelen mit interessanten Informationen in Bild und Ton zur Garnisonsstadt Trier, zur ehemaligen Kaserne Quartier Bélvèdere, zur Bedeutung der Kohle, zu Konversion und Architektur auf die Besucher. In einer Filmpräsentation kommen Zeitzeugen zu Wort, die das Hospital noch in Funktion oder die Zeit der Umwandlung vom Kasernengelände zur Landesgartenschau und danach zum modernen Stadtviertel begleitet und erlebt haben. "Zu dieser Zeit auf dem Petrisberg gibt es eine Forschungslücke", sagt die Kunsthistorikerin Andrea Günther, die ebenfalls zum Kern der Ausstellungsmacher gehört. "Die Kunsthistorik schafft einen neuen Blick auf das Objekt", ist sie überzeugt.

Der dokumentarische Multivisionsteil der Ausstellung soll dauerhaft erhalten bleiben. Die beiden anderen Bereiche könnten neu gestaltet werden, sofern der Mythos Heizkraftwerk als kuratorisches Kunstprojekt der Universität erhalten bleibt. "Um die Räume für die erste Präsentation herzurichten, haben wir 70 000 Euro verbaut", verrät Stephan Brakensiek. Das Geld kam überwiegend von Sponsoren. "Für ein festes Museum wären mehrere Millionen notwendig."
Derzeit sind es die Architekturfotos von Karola Perrot und Claus Bach, die dem zweiten Teil der Ausstellung die künstlerische Note geben. Ebenfalls in der ehemaligen Kohlehalle, wo die Einschüttlöcher noch an der Decke zu sehen sind, zeigt die Trierer Künstlerin Karola Perrot in zehn analog fotografierten und von Hand im Labor entwickelten Schwarz-Weiß-Fotografien, wie sie die inzwischen abgerissenen Gebäude auf dem ehemaligen Kasernengelände erlebt hat. Detail aufnahmen, die mysteriöse Klangkuppel und leer stehende Baracken - die 32 mal 42 Zentimeter kleinen Bilder stehen im Kontrast zu den mächtigen Digitalfotos von Claus Bach. Der aus Weimar stammende Künstler hat in 160 Aufnahmen das Heizkraftwerk und den Kohlekeller so dokumentiert, wie sie sich Anfang 2015 präsentierten, von allen Umbauaktivitäten seit 1992 zum Studentenwohnheim und danach zum Universitätslehrgebäude so gut wie unbehelligt.

Mit Langzeitbelichtung hat er Details der Architektur dem Dunkel entrissen. Einige der beeindruckend minimalistischen Fotos sind im Format 1,35 mal 200 Zentimeter zu bewundern. Die restlichen werden als Diaschau an eine Wand des alten Kohlekellers projiziert.

Die Fotos geben Hinweise auf die Geschichte des Ortes. Etwa das Schlüsselbrett, an dem auch ein Schlüssel für den Tierstall hängt: Im Militärhospital wurden nicht nur Menschen behandelt …

Die wirkliche Dimension der Katakomben unter dem einst architektonisch für Krankenhäuser wegweisenden Gebäudekomplex wird im dritten Teil der Ausstellung deutlich. "Flashlab" heißt die Lichtinstallation des im Januar mit dem Deutschen Lichtkunstpreis ausgezeichneten Düsseldorfer Künstlers Mischa Kuball. Es ist Hauptbestandteil der Ausstellung "generator. Lichtkunst im Heizkraftwerk Trier" des Fachs Kunstgeschichte.

Kuball taucht mehrere Etagen des früheren Heizkraftwerkes in schwaches rotes Licht. Aber sobald die Augen des Betrachters die vielen Säulen und Ebenen deutlicher wahrnehmen können, durchflutet ein greller Lichtblitz den gesamten Raum. Doppelbilder entstehen, lassen jeden Besucher die Umgebung individuell und anders wahrnehmen.Blitze als Initialzündung


Professorin Ulrike Gehring ist von den Möglichkeiten der Kunst mit Licht begeistert: "Sie bietet uns die große Chance, diesen Raum immer wieder neu zu gestalten, ohne viel Geld in dessen Gestaltung investieren zu müssen." Das Kuball-Kunstwerk habe die Universität aufgekauft, so dass es zu einem späteren Zeitpunkt jederzeit wieder aufgebaut werden könne. So sind die Blitze auch ein Symbol für die Initialzündung einer neuen Nutzung der Katakomben des ehemaligen Hospitals André Genet.Extra

Die Ausstellung "generator. Lichtkunst im Heizkraftwerk Trier" ist zunächst bis 31. März zu folgenden Zeiten geöffnet: dienstags, 18 bis 20 Uhr; freitags, 16 bis 18 Uhr. Universität Trier, Campus II, Gebäude F, Behringstraße 21. Für alle, die mehr über die Katakomben unter Campus II erfahren möchten, gibt es Führungen der Ausstellungsmacher. Die Möglichkeit soll auch nach dem offiziellen Ende der Ausstellung bestehen bleiben. Termine können über das Anmeldeformular auf der Website, per E-Mail oder telefonisch vereinbart werden: www.generator.uni-trier.de ; generator@uni-trier.de ; Telefon 0651/201-2126 (Montag bis Donnerstag vormittags). Preise für Gruppenführungen: ab fünf Personen 20 Euro; Studierende 10 Euro. r.n.