Leben mit unbeschreiblicher Scham

Leben mit unbeschreiblicher Scham

TRIER. Brille vergessen, Arm verbunden, schnell weg - "Analphabeten sind sehr clever, wenn es ums Vermeiden geht", sagt der Trierer Leselehrer Michael Ißler. Nur wenige trauen sich jährlich aus der Versenkung, um mit ihm um ein schamfreies Leben in der Letternwelt zu ringen. In diesem Monat läutet der Lehrer die nächste Kampf-Runde ein.

Laut einer Online-Hoch- oder -Runter-Rechenmaschine der gemeinsamen Homepage des Bundesverbands Alphabetisierung und der Volkshochschulen beläuft sich die Zahl der Analphabeten in Trier auf "fast 5000". Das heißt: nahezu jeder 20. Moselstädter ist außerstande, richtig zu lesen und zu schreiben. "Sie sind gebrandmarkt", sagt Michael Ißler und kneift die Augen eng zusammen. Fast keine jungen Leute kämen zu ihm, "weil sie sich zu sehr schämen", beurteilt der langjährige Leiter der Alphabetisierungskurse an der Trierer Volkshochschule. Dabei gehört heute schon ein Viertel der 15-Jährigen zur Risikogruppe für ein Leben ohne lesen, glaubt man den Analysen der zweiten Pisa-Studie. Auch Ißler, der hauptberuflich in der Kinder- und Jugendhilfe arbeitet, beobachtet zunehmend Schulprobleme in den sozialen Brennpunkten. "In den vergangenen zehn Jahren haben die Kinder in den städtischen Randgebieten unheimlich abgebaut. Wer dann auf der Sonderschule landet, mit anderen sehr verhaltensauffälligen Kindern in einer Klasse, hat oft schon verloren", bedauert er. Am Ende steht - so Ißler - zu oft ein Leben voller Unverständnis und Ablenkungsmanövern: "Manche halten die Schande sogar vor der eigenen Familie geheim", berichtet er und erzählt von einem älteren Kursusteilnehmer, dessen erwachsene Kinder nichts ahnen. Auch ihm habe der Mann aus Angst vor Entdeckung nur seinen Vornamen verraten. "Dabei ist es wirklich nicht seine Schuld", verteidigt Ißler seinen Schriftschüler. Er habe vor 40 Jahren eben auf dem Feld mithelfen müssen, statt zur Schule zu gehen. Kein Einzelfall: "Es gibt auch viele Schulwechsler, die beim Lesenlernen auf der Strecke geblieben sind. Bis heute verstecken sich die Leute."Vertrauensperson als treibende Kraft

Die Allerwenigsten schafften allein den Schritt in die Offensive, hat der Erwachsenenlehrer festgestellt: "Meistens sind Partner, Bruder, Schwester, Freund, Nachbar oder irgendeine Vertrauensperson die treibende Kraft. Das brauchen diese Menschen." Schließlich steckten vielfach auch psychologische Probleme und Selbstbewusstseinsdefizite hinter der Mauer des Schweigens. "Besonders viele Frauen haben jahrelang eingeimpft bekommen, dass sie nichts können." Erst mit ihrem neuen Partner schafften sie dann den Schritt in einen der Alphabetisierungskurse, die in Deutschland fast ausschließlich die Volkshochschulen anbieten. "Viele sind im Grunde recht fit, hatten nur schlechte Chancen", beurteilt Ißler, der in den vergangenen zehn Jahren mehreren hundert erwachsenen ABC-Schützen zum Ziel geholfen hat. Ein beeindruckendes Gedächtnis hätten viele Analphabeten: "Wie Blinde, die besonders gut hören können", vergleicht er. "Die meisten haben Arbeit, sind unauffällig, kommen irgendwie durch", erzählt Ißler. Einige seien sogar ausgebildete Handwerker, ohne irgendeine Anleitung entziffern zu können. "Aber bei den Schulaufgaben für ihre Kinder oder beim Schreiben von Berichten müssen sie Ausflüchte finden", verdeutlicht er den Spießrutenlauf. "Man muss sehr sensibel vorgehen. Die Hemmschwelle ist hoch", weiß der Lehrer. Im Klassenraum in der ehemaligen französischen Schule in Trier-Süd sitze man gemeinsam im Fünfeck. "Wer sich beteiligen will - prima. Aber man kann auch jederzeit "Nein!" sagen", berichtet er: "Wir haben kein typisches Lehrer-Schüler-Verhältnis." Gegenseitiges Vertrauen sei Grundrequisit: "Schließlich dauert es etwa zwei bis drei Jahren bis man zum Beispiel den Trierischen Volksfreund nicht nur lesen, sondern auch verstehen kann." In diesem Monat beginnen die neuen Alphabetisierungskurse der Volkshochschule. Preis: 65 Euro für 36 Doppelstunden. Informationen und Anmeldung unter Telefon 0651/ 718-1431.

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