Leben passiert immer woanders

Leben passiert immer woanders

TRIER. (ae) Für einen humorvollen und zum Nachdenken anregenden Abend sorgte die studentische Theatergruppe "Neues Theater Trier" in der Tuchfabrik Trier. Unter gelungener Regie von Carla Stark und Lisa Denger begeisterte sie mit ihrer ersten Produktion, dem medien- und gesellschaftskritische Theaterstück "Endstation Hoffnung" von Holger Schober.

Ein karges Bühnenbild und spärliche Requisiten lenken den Blick der Zuschauer im voll besetzten kleinen Saal der Tuchfabrik Trier aufs Wesentliche. Sie sehen sympathisch locker, mit großer Spielfreude agierende Schauspieler in einem Stück, das mit teils skurrilem Humor unserer Gesellschaft den Spiegel vorhält. Am Anfang wirkt es, als werde hier der erhobene Zeigefinger bemüht. Eine Erzählerin (Hanna Rautenberg) prangert in direkter Ansprache die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes an. In der nächsten Szene, die im Studio eines Fernsehsenders spielt, geht es sehr unmissverständlich mit Medienkritik weiter. Den Sensationsreporter Tom Pipin (P. Bastian Welte) packt sein Gewissen, und er wirft Chefredakteur Gierig (Stephan Pitten) "Verfeldbuschung" und "Verkübelböckung" der Gesellschaft vor. Glücklicherweise kommt das Stück im Verlauf ohne viele dieser sehr direkten Hinweise aus, indem es sich selbst zur Parabel entwickelt. Dreh- und Angelpunkt ist die Bahnhofsmission St. Anna, eine "Endstation" für gesellschaftliche Randfiguren. Dort kämpfen zwei Obdachlose, der krebskranke Peter (Till Reiners) und der stotternde Werner (Phil Teubert), mit Alltagsphilosophie und zynischem Witz gegen die Hoffnungslosigkeit. Die strenge Krankenschwester Eva (Diana Bercht) und der Zivildienstleistende Kurt (Manuel Brand) betreuen nicht nur sie, sondern wenig später auch Reporter Pipin, der nach einer Gehirnwäsche durch seinen Vorgesetzten Gierig und die Medien-Tycoonistin (Julia Kirchberg) sein Ich verloren hat. In dieser letzten Oase der Menschlichkeit taucht Peters angebliche Tochter Maria (Kristin Bergmann-Warnecke) auf. Und mit ihr die Liebe und das Rezept gegen das von kommerzieller und medialer Fremdbestimmung ausgelöste Ohnmachtsgefühl: "Das Leben passiert ohne uns." Doch auch in St. Anna ist alles nur Schein. Was dort geschieht, wird von Zuschauern als Live-Show im Fernsehen verfolgt. Im Showdown fechten noch einmal Gewissen (Pipin) und Medienmacht (Gierig) gegeneinander. Pipin siegt, doch das vermeintliche Happy End mündet in eine Katastrophe, der niemand entkommt. Leid ist eben besser für die Quote... Weitere Vorstellung: Heute, 20 Uhr, Tufa. Der Eintritt geht als Spende an das Straßenkinderprojekt "Esperanza" in Chile.

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