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Leben und sterben, wie es ihnen gefällt

Leben und sterben, wie es ihnen gefällt

TRIER/PFALZEL. Die beabsichtigte Vertreibung von Tom und den drei Einsiedler aus dem Stadtwald und die Schüsse eines Polizisten auf eine Hündin (der TV berichtete) schüren Unruhe und Besorgnis in der Obachlosen-Szene.

25 Obdachlose sind in den vergangenen zehn Jahren nach Angaben von Streetworker Raimund Ackermann in Trier gestorben. "Keiner war älter als 50 Jahre." Wie sie ohne Hilfe zurecht kommen, erzählen die Obdachlosen Franz und Robert. Zum Zeitpunkt des Gesprächs zeigt sich der August von seiner unfreundlichsten Seite. Wind, Dauerregen, es ist klamm und kalt. Franz und Robert besitzen ein Öfchen, das raucht und qualmt. Über den bemoosten Wohnwagen haben sie eine Plane gespannt, von der rhythmisch das Wasser tropft. "Ich fühle mich pudelwohl", sagt Franz. "Hier ist es harmonisch, es ist mein Reich." Den Steinmetz und Bildhauer warf der Tod seiner Mutter und eine Reihe unglücklicher Ereignisse aus der Bahn. Vor sechs Jahren landete auf der Straße. Mittlerweile haust Franz in einem alten Wohnwagen im "Niemandsland" zwischen Pfalzel und Biewer. Gesellschaft hat der 40-Jährige in "Mausi" gefunden, einer afghanischen Windhündin, und in Robert, der sein Domizil im Stadtwald räumte (der TV berichtete) und bei Franz in einem zweiten Wohnwagen lebt. "Früher kam hier kein Schwein vorbei", sagt Franz. Mittlerweile kommt es ihm so vor, als würde mit den Obdachlosen in Trier "tabula rasa" gemacht. "Im Sinne von: Uus Trier soll schöner werden", fügt Robert zynisch hinzu. Denn bei einem Besuch der Polizei wurde Franz' Labradormischlingshündin Diddie tödlich verletzt. Das Tier, das von einem Tierarzt eingeschläfert wurde, liegt nun begraben in Sichtweite der Wohnwagen. Franz spricht von einer "Kampagne gegen Obdachlose". "Wir tun keiner Menschenseele was, wollen bloß unsere Ruhe." Ganz ohne Hilfe kommt Franz allerdings nicht über die Runden. Tägliche "Sitzungen" wie Franz das Betteln in der City nennt, bringen das nötige Geld für Einkäufe zusammen. Karitative Angebote lehnen die beiden ab. An einem Schlechtwettertag "verdient" Franz zehn bis zwanzig Euro weniger als sonst. Abgelaufene Lebensmittel vom Discounter stillen den Hunger, Leitungswasser gibt's beim Biewerer Friedhof. Strom für Fernseher, Radio und Handy liefert ein Aggregat - eine Spende des Vereins Streetwork. Camping-Klo und Bütt erfüllen minimale hygienische Anforderungen. Doch ein Wohnheim kommt nicht in Frage. "Nach 9 Uhr abends kommst Du da nicht mehr raus", klagt Franz. "Bekehrt und resozialisiert" werden will auch Robert nicht, der seit vier Jahren obdachlos ist. Tagelang kämpfte der 39-Jährige gelernte Koch mit starken Zahnschmerzen. "Entweder gehe ich dran kaputt, oder es wird besser", ist seine Entscheidung. In behördliche Mühlen, die ihm einen Krankenschein und damit eine Behandlung ermöglichen, will er keinesfalls geraten. Bildungshunger stillt er mit der "blauen Bibliothek": Aus Papiertonnen hat er eine Bibel und ein Buch über Evolutionstheorien gefischt, das er gerade liest. Weh tue die unwürdige Behandlung von Passanten, räumt Franz ein. "Einmal hat einer mit dem Finger auf mich gezeigt und zu Kindern gesagt: Lernt lieber was, sonst endet ihr so wie der." Doch er steht zu seiner Entscheidung. "Ich will hier bleiben bis zum bitteren Ende. Robert blickt gen Himmel und ergänzt: "Wo sollen wir denn sonst hin?"Was ist Ihre Meinung zum Thema Obdachlose? Senden Sie uns eine Mail an: echo@volksfreund.de