Leben wie im Paradies

Was macht jemand im Ruhestand, der sich jahrzehntelang im Rathaus als Strippenzieher betätigt hat? "Ich habe keine Entzugserscheinungen", beteuert der frühere Oberbürgermeister und Wirtschaftsdezernent Helmut Schröer (67).

 Helmut Schröer an einem seiner Lieblingsplätze: im Kreuzgang der Abtei St. Matthias. TV-Foto: Friedemann Vetter

Helmut Schröer an einem seiner Lieblingsplätze: im Kreuzgang der Abtei St. Matthias. TV-Foto: Friedemann Vetter

Trier. Die Frage, wie oft er denn seit April 2007 im Rathaus war, beantwortet Helmut Schröer ohne langes Nachdenken: "Einmal als Bürger, um meinen Personalausweis verlängern zu lassen. Und einige wenige Male bei Terminen, zu denen ich eingeladen war. Etwa, wenn es um Städtepartnerschaften ging." Diejenigen, die prophezeiten, der Omnipräsente, ohne den jahrzehntelang nichts lief in Trier, würde sich im Ruhestand ständig einmischen und in der Stadtverwaltung auf der Matte stehen, haben nicht recht behalten. "Ich wollte einen Strich ziehen. Das habe ich hingekriegt", sagt Schröer und fügt hinzu: "Das hat man mir nicht zugetraut." Er sich selbst vielleicht auch nicht. Jedenfalls gibt der 67-Jährige zu, er sei "gut vorbereitet aus dem Amt geschieden".

Knapp drei Jahre ist das her. Am 31. März 2007 endete eine für Trierer Rathaus-Verhältnisse unvergleichliche Ära. Nach insgesamt 30 Jahren im Stadtvorstand, zunächst als Wirtschaftsdezernent und die vergangenen 16 Jahre als Oberbürgermeister. An seinen Entschluss, "nicht mehr mitzumengen", halte er sich konsequent. Selbst zu Beratungen über den Stadt-Haushalt - eines seiner Leib- und Magen-Themen - lasse er sich nicht in CDU-Fraktionssitzungen blicken. Bewertungen über die aktuelle Rathaus-Politik kommen ihm nicht über die Lippen: "Klar, ich könnte was sagen. Ich tue es aber nicht. Dieses Kapitel ist abgehakt."

Was nicht heißt, dass sich Schröer gar nicht mehr äußert. Nur ist seine Zielgruppe inzwischen eine völlig andere. Der Berufsschul-Lehrer hat einen Lehrauftrag an der Uni und bringt angehenden Volkswirten die "Kommunalökonomie in der Praxis" nahe.

Schröer gerät ins Schwärmen ob der Wissbegier und des Lerneifers der 15 jungen Frauen und Männer in seinem Seminar.

Ausbildungsbotschafter für das Handwerk



Ob solch ein Unterricht nicht auch mal was für Stadtratsmitglieder sei? Schröer lacht - und sagt ausnahmsweise mal nichts. Auf Nachfrage hin lautet die Antwort so: "Ich gebe zu Protokoll, dass ich dazu nichts sage." Schröer lacht schon wieder und beantwortet vorsorglich eine noch gar nicht gestellte Frage: "Ja, ich bin lockerer geworden." Lockerheit, gepaart mit Sendungsbewusstsein - das kommt auch bei Schülern gut an. Seit 2007 zieht das Ex-Stadtoberhaupt als Ausbildungsbotschafter der Handwerkskammer durch die Region: "Ich war bereits in 100 Schulklassen." Seine Mission: "Erklären, was Handwerk ist und welch' mannigfaltige berufliche Chancen es bietet. Das macht mir große Freude und meinen jungen Zuhörern auch: Sie klatschen nach dem Unterricht Beifall."

Müßiggang kommt für Schröer nicht infrage: "Dazu bin ich auch gar nicht der Typ." Er setzt weiterhin auf seine Macher-Qualitäten. Derzeit arbeitet Schröer am zweiten und letzten Band seiner "Trierer Weichenstellungen", die wichtige Entwicklungen in den letzten drei Jahrzehnten nachzeichnen. Tennis-Medenspiele, Theater- und Philharmoniebesuche, der Vorsitz im Freundeskreis der Uni Trier, viele Aktivitäten mit "einem lieben Freundeskreis", Reisen und selbstverständlich Gattin Gisela (65) und die restliche Familie lassen den dreifachen Großvater und Weimarer Ehrenbürger zu der Erkenntnis kommen: "Ich lebe wie im Paradies."

Passenderweise liegt ihm, wie er ausdrücklich betont, eine Aufgabe besonders am Herzen: Schröer ist Vorsitzender des Kuratoriums der St. Matthias-Stiftung. Die unterstützt die Trier-Süder Benediktinerabtei in ihrer seelsorgerlichen, sozialen und kulturellen Arbeit. Für ihn eine "Selbstverständlichkeit", sich für "seine" Abtei, in die er sich oft zum Meditieren und Krafttanken zuurückgezogen hat, zu engagieren. Und wo wünscht er sich eines Tages die Helmut-Schröer-Straße? Wieder lacht er: "Stimmt. Weil ich OB war, wird eine Straße nach mir benannt. Aber das ist das Allerletzte, worüber ich mir Gedanken mache. Anderenfalls würden meine Enkelkinder sagen: ,Der hat sie nicht alle'."