Leise Töne, klare Worte

Mit einer etwas anderen Protestveranstaltung machten rund 300 Menschen aus dem Hunsrück, der Eifel und dem Saarland, die meisten von ihnen Landwirte, auf den Milchpreisverfall aufmerksam.

Thalfang. Das haben die Thalfanger noch nicht erlebt: Mitten im Ort leuchten in einer Menschenmenge Kerzen und Schwedenfeuer. Ein Altar ist aufgebaut. Kirchenlieder sind zu hören. Während Landwirte bundesweit mit großen Demonstrationen auf ihre Existenznöte aufmerksam machen, setzt der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) in Thalfang auf leise Töne.

Deutliche Worte fehlen dennoch nicht. Pfarrer August Dahl, bekannt als Galionsfigur der Friedensbewegung in den 80er Jahren, weist in einem Gottesdienst Landwirte, Molkereien, Politiker, Verbraucher und Discounter auf ihre Verantwortung hin. Letztere nimmt er besonders in die Pflicht: "Gewinnmaximierung ist kein gangbarer Weg für Christen."

Anpassung an die Nachfrage nötig



Peter Brucker, Präsident der Morbacher Mali-Hilfe, bittet in einer Ansprache darum, dass den Bauern in Europa "faire Preise" gezahlt werden, um Überproduktionen zu vermeiden, damit die Länder der Dritten Welt von einer "unmenschlichen Preispolitik" unabhängig werden. Der aktuelle Milchpreis von 23 Cent bedeute das Aus für viele Betriebe, schildert Helmut Muß, zweiter BDM-Landesvorsitzender das Problem. Um kostendeckend zu arbeiten, fordern die Bauern 40 Cent. Eine flexible Anpassung des Angebots an die Nachfrage sei ebenso notwendig wie ein Milchgipfel. Man sei heute hier, um die Hochwald Nahrungsmittel-Werke bei anstehenden Preisverhandlungen zu unterstützen, verdeutlicht der BDM-Mann. Von Unterstützung habe er wenig gemerkt, spielt Molkerei-Chef Karl-Heinz Engel im Anschluss an die Übergabe einer Resolution auf die Blockade der Molkerei im vergangenen Jahr an. Dennoch sagt er zu, den Inhalt in seine Überlegungen einzubeziehen. Seine Molkerei könne die politischen Rahmenbedingungen nicht ändern. Im In- und Ausland befinde sich zu viel Milch auf dem Markt.

Im kleinen Kreis haben Landwirte zuvor ihre Existenznöte geschildert. "Ich habe zwei Alternativen. Ich kann weitermachen, bis die Bank mir den Laden zumacht oder vorher resignieren", betont ein Landwirt aus dem Raum Simmern eindringlich.

"Nur noch wenige Monate durchhalten" kann nach eigener Aussage der saarländische Landwirt Karl-Hubert Brodback aus Lebach. "Wir müssen die Verbraucher wachrütteln", regt Reinhard Manz aus Deuselbach an, während der Thalfanger Pfarrer Winfrid Krause laut überlegt, ob man analog zu Mindestlöhnen in anderen Branchen Mindestpreise festlegen solle.
Meinung


Von Ilse Rosenschild
Optimismus ist fehl am Platz

Am Donnerstag und Freitag gingen die Landwirte bundesweit auf die Barrikaden. Inzwischen steht fest, dass ein Milchkrisengipfel stattfinden wird. Damit ist die erste Forderung des Bundesverbandes deutscher Milchviehhalter bereits erfüllt. Allzu optimistisch sollte das die in ihrer Existenz bedrohten Milchbauern nicht stimmen. In Wahlkampfzeiten kommt es nicht gut, gesellschaftliche relevante Gruppen im Regen stehen zu lassen. Erinnern wir uns an die Situation im Vorjahr. Auch damals gingen die Landwirte auf die Straße, demonstrierten, schütteten Milch weg und blockierten Molkereien. Politiker stärkten ihnen verbal den Rücken. Handelsketten machten Zusagen über höhere Preise. Ein Jahr später ist der Milchpreis niedriger als zuvor. Und viele Bauern stehen finanziell mit dem Rücken zur Wand. Optimismus ist deshalb fehl am Platz. Selbstverständlich muss nach Lösungen gesucht werden. Aber simple Patentrezepte sind nicht in Sicht. Der Appell von "Raketen-Pfarrer" August Dahl ist so schwierig wie richtig: Jeder Beteiligte, ob Verbraucher, EU-Politiker oder Discounter-Chef, muss sich seiner Verantwortung bewusst sein und handeln. Ansonsten kommt für viele Bauern jede Hilfe zu spät. i.rosenschild@volksfreund.de