Leiser Abschied vom Herrn der Herrenhüte

Leiser Abschied vom Herrn der Herrenhüte

"Vorübergehend geschlossen" steht auf dem handgemalten Schild in der Ladentür. Es stammt vom vergangenen Oktober. Jetzt ist klar, dass das Hutgeschäft in der Brotstraße nie wieder öffnen wird. Inhaber Wolfgang Georg ist in der vergangenen Woche 88-jährig gestorben. Er war der weit und breit Letzte seines Metiers.

Trier. Der Hutladen in der Brotstraße 26 wirkt auf Passanten, als sei er schon seit Jahrzehnten geschlossen. Ein Nachbar würde gar beeiden, dass das "Never steal a Stetson"-Plakat bereits in der Tür hing, "als John Wayne noch lebte". Durchaus möglich. Wayne hat 1979 das Zeitliche gesegnet. Etwa um diese Zeit könnte auch die letzte Umdekorierung des Schaufensters erfolgt sein. Die Anordnung der Hüte und Mützen ist, wie alte Bilder zeigen, im Großen und Ganzen dieselbe wie vor 20, 30 Jahren.
Zeitreise in eine andere Welt

Ende einer Institution: Nach dem Tod von Wolfgang Georg, der das Geschäft in der Brotstraße 26 in der sechsten Generation geführt hat, ist der Hutladen Triers endgültig geschlossen. Georg führte sein Geschäft bis Herbst 2014. Das Foto rechts stammt von 2010. TV-Fotos: Roland Morgen; Archiv.


Ganz genau klären lässt sich das nicht mehr. Der Einzige, der die Fragen beantworten könnte, ist vor neun Tagen gestorben: Ladenbesitzer Wolfgang Georg. Dass die Todesnachricht sich in einem so gemächlichen Tempo verbreitet, passt zu dem "Herrn der Herrenhüte", wie ihn ein Kunde einst respektvoll genannt hat. Wolfgang Georgs Laden zu betreten, kam einer Zeitreise gleich. Trubel war draußen, drinnen eine andere Welt. Eine museal anmutende Szenerie, wie aus einem alten Spielfilm, der in einer noch älteren Zeit spielt, im 19. Jahrhundert vielleicht. Das war das Reich eines Trierer Originals, das viel mit einem anderen Original gemein hatte. Wie der legendäre Mathias Josef Fischer (1822-1879), besser bekannt als Fischers Maathes, wurde Wolfgang Georg im Haus Brotstraße 26 geboren und wuchs dort auf. Den Hutladen der Familie betrieb er ab 1945. Er verkörperte die sechste Generation. Die letzte. Nachkommen gab es keine, Geschäftsnachfolger ebenfalls nicht. Seine Frau Helena starb vor zehn Jahren. Den Laden bis ins hohe Alter weiterzuführen, war für den Besitzer Beruf und Berufung zugleich: "Ich tue das für meine Kunden." Die kamen von weit her und griffen für qualitativ hochwertige Kopfbedeckung tief in die Tasche. Verbürgt ist die Geschichte eines Luxemburgers, der auf die Schnelle fast 10 000 Euro in Trier ausgab für Dinge, die er in der ganzen Großregion sonst nirgendwo bekommen konnte. 1200 Euro für einen Hut von Georg und 8000 für eine Mandoline, die das Musikhaus Reisser für ihn organisiert hatte. Dessen Inhaber Georg Kern (65), Präsident des regionalen Einzelhandelsverbandes, bezeichnet den Tod des Huthändlers als "großen Verlust für Trier. Als sympathischer Mensch wie als Geschäftsinhaber, der für Tradition und Exklusivität stand."
Um Wolfgang Georgs Gesundheit stand es seit Oktober schlecht. Den Laden hatte der 88-Jährige seither nicht mehr geöffnet. Am 7. Januar ist er, wie ein Freund berichtet, "friedlich eingeschlafen". Eine Woche später wurde auf eigenen Wunsch hin seine Asche in aller Stille in Luxemburg verstreut. Was aus dem Haus mit der denkmalgeschützten Fassade wird, ist noch nicht bekannt. Die Georgs hatten es vor geraumer Zeit an eine Trierer Immobiliengesellschaft verkauft.
Fest steht: Wolfgang Georgs Papagei ist in guten Händen; und die Ladeneinrichtung soll ans Volkskunde- und Freilichtmuseum Roscheider Hof nach Konz gehen. Dort wird es daran erinnern, dass es vor 100 Jahren etwa 20 Hutgeschäfte in Trier gab - und das von Wolfgang Georg das letzte war.