Lenin lässt grüßen

Karl Marx

Marx - man wundert sich. Da stand nun eine erkennbar der Kulissenmalerei geschuldete, recht unauffällige Holzplatte in Triers guter Stube. Wir Bürger dürfen nun unsere Meinung kundtun, als ob es auf unsere Meinung ankäme und die Entscheidung im Stadtrat nicht längst feststünde. Welch eine Posse!
Der öffentliche Raum gehört uns allen. Wenn er möbliert werden soll, ist ein - im Allgemeinen üblicher - Wettbewerb das Gebot der Stunde. Schlechte Plastik auf öffentlichem Grund gibt es schon im Übermaß.
Aber nach dem Motto "Dem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul" darf ein chinesischer Staatskünstler sich den Platz für seine überdimensionierte Marx-Figur aussuchen und via Video-Gespräch sogar absegnen. Und so beschert er uns eine Figur im Stil spätkommunistischer Herrschergestalten. Lenin lässt grüßen: dynamisch schreitend, mit kühnem, weit in die Ferne gerichtetem Blick, unerreichbar für jedermann, der Wind der Geschichte kräuselt nur noch wenig seinen Mantel.
Aber was will man auch erwarten: China ist nicht gerade als Hort der Menschen- und Bürgerrechte bekannt, die Ideologie der allein herrschenden Kommunistischen Partei nach wie vor staatstragend. Eine solche Kunstauffassung ist also nicht verwunderlich. Eine interessante Frage ist, ob man in China eine 6,30 Meter hohe Platte mit der Menschenrechts-Charta der Vereinten Nationen von 1948 als Geschenk annehmen und aufstellen würde?
Dr. Sibylle Bauer
Trier

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