„Lern’ laufen, Glatzkopf!“

„Lern’ laufen, Glatzkopf!“

Mit dem Spruch „Lern’ laufen, Glatzkopf!“ soll der Streit zwischen einem Autofahrer und einem Jogger am Petrisberg begonnen haben. Er endete mit einem kräftigen Biss in den Oberschenkel. Gestern verhandelte das Amtsgericht den Fall.

Eins steht fest: Sascha K. hat zugebissen. So fest, dass seine Zähne durch die lange Sporthose seines Gegners gedrungen sind. Von der Bisswunde gibt es Bilder. Ein Arzt hat die Verletzung testiert. "Meine Frau und meine Familie hatten starken Ekel vor der Bisswunde", sagt Matthias S., der in dem Prozess als Nebenkläger auftritt. "Bis heute leide ich seelisch darunter", betont der 53-Jährige.

Vier Monate ist es her, dass der 38-jährige K. und der Nebenkläger S. aneinandergeraten sind. K. ist am 31. März mit seinem Auto auf einem asphaltierten Verbindungsweg zwischen der Soterstraße und der Werner-Becker-Straße unterhalb des Petrisbergs unterwegs. K. hat einen Schrebergarten am Petrisberg. Er will nach Hause, um die Waschmaschine zu reparieren. Zur gleichen Zeit joggt S. die schmale Straße entlang. Es ist eine seiner Lieblingsstrecken. Drei Mal pro Woche läuft er dort. Was passiert, als die Männer aufeinandertreffen, lässt sich nicht genau rekonstruieren. Die Aussagen der beiden driften auseinander. Autofahrer K. will aus Vorsicht hinter S. angehalten haben. "Weil er so komische Haken nach links geschlagen hat beim Laufen. Ich dachte, da stimmt was nicht, und hab' sicherheitshalber das Auto gestoppt." Laut S. sei K. dagegen "viel zu dicht und viel zu schnell" an ihm vorbeigefahren. "Ich habe mich bedroht gefühlt und deshalb mit der Hand auf das Autodach geschlagen." Griff zwischen die Beine Dass es zu einem Wortgefecht gekommen ist, ist unstrittig. "Lern' laufen, alter Glatzkopf, mach den Weg frei", habe ihn der Autofahrer angeschrien und beleidigt. Er selbst habe daraufhin gesagt, dass K.s Fahrstil "asozial" sei, erklärt S. auf Nachfrage der Richterin.

Schließlich sei K. auf ihn zugekommen und habe ihm zwischen die Beine gefasst. "Er hat meine Hoden gegriffen und ruckartig nach oben gezogen, was mir starke Schmerzen bereitet hat." K. wiederum behauptet, S. habe ihn zuerst angegriffen. "Erst hat er mich durchs offene Autofenster hindurch beschimpft und sich dabei so aufgeregt, dass sein Speichel tropfte." Als er ausgestiegen sei, habe S. ihn am Arm gepackt und umgerissen. "Ich habe ihm auf keinen Fall zwischen die Beine gegriffen!", betont K.

Bei dem Gerangel stürzen beide in die Dornenhecke neben der Straße. Der deutlich größere S. sei dabei auf ihm gelandet. "Ich bekam keine Luft mehr und war in Panik, deshalb hab' ich zugebissen", erklärt K. Zeuge T., der einen Teil der Szene aus einiger Entfernung beobachtet hat, bestätigt, dass der Jogger sehr aggressiv gegen den Autofahrer gewesen sei. "Er hat ihn durchs Fenster angeschrien, mit den Armen gerudert und die Knie gehoben, als wolle er gegen den Kotflügel treten", berichtet T. Eingemischt hat T. sich allerdings nicht. "Ich bin dann einfach mit meinem Hund weitergegangen, und als ich mich umgedreht hab, lagen beide schon im Graben."

Weitere Zeugen gibt es nicht. Dabei hatte S. mehrere Autofahrer, die anhalten mussten, weil der Wagen von K. den Weg versperrte, angesprochen. "Ich wollte, dass mir jemand Zettel und Papier gibt, damit ich mir die Autonummer aufschreiben kann, und hab' auch gefragt, ob jemand als Zeuge aussagen würde, aber keiner war dazu bereit", berichtet S. vor Gericht. Ohne weitere Zeugen steht Aussage gegen Aussage.

"Dass Ihnen der Oberschenkel des Nebenklägers quasi in den Mund gefallen ist und Sie nicht anders konnten, als zuzubeißen, glaube ich Ihnen nicht", sagt Richterin Petra Nicklas zu dem Angeklagten. "Andererseits kann ich mir vorstellen, dass Sie sehr emotional erhitzt waren", wendet sie sich an den Nebenkläger.
Das Verfahren wird unter Zustimmung von Staatsanwältin Stefanie Kuhnat eingestellt. Als Wiedergutmachung für seine Beißattacke muss der Angeklagte dem Nebenkläger 500 Euro zahlen. woc