Lernen bei Hunger und Kälte

TRIER. Vor 60 Jahren drückten sie zusammen die Schulbank. Die Schülerinnen des Kindergärtnerinnen-Seminars St. Ursula treffen sich immer noch einmal im Jahr in Trier.

Berufsausbildung in den Nachkriegsjahren war kein Zuckerschlecken. Die Schülerinnen des Kindergärtnerinnen-Seminars aus dem Jahr 1946 haben die harten Jahre zusammengeschweißt. Jedes Jahr sehen sich die Damen beim Klassentreffen. "Unsere Lehrer haben keine Rücksicht genommen, ob wir Hunger hatten", erzählt Elisabeth Meiser. Und Hunger hatten Elisabeth Meiser und ihre Klassenkameradinnen oft in ihren Ausbildungsjahren am Kindergärtnerinnen-Seminar St. Ursula. 1946, kurz nach dem Krieg also, gab es nur wenig zu essen. "Eine trockene Schnitte Brot musste damals als Proviant für den ganzen Tag reichen", weiß Elisabeth Meiser noch genau. Nicht nur der ungestillte Hunger machte den jungen Frauen damals zu schaffen. Aus Mangel an Heizmitteln herrschte in den Klassenräumen während der Wintermonate eisige Kälte. Doch trotz Hunger und Kälte erinnern sich die Klassenkameradinnen von 1946 gerne an ihre gemeinsame Schulzeit. "Die Notlage damals hat uns noch mehr zusammengeschweißt", meint Mathilde Krämer. Auch sie gehört zu den ehemals angehenden Kindergärtnerinnen des Jahrgangs 1946, die von den Ordensschwestern von St. Ursula unterrichtet wurden. Wer zu Hause ein zusätzliches Butterbrot einheimsen konnte, nahm es mit in die Schule und verschenkte es an die Kameradinnen. Damals zählte das als großer Freundschaftsbeweis. Auf dem Stundenplan standen neben Religion, Pädagogik und Musik auch Beschäftigungstherapie, Jugendliteratur und Psychologie. Besonders die religiöse Erziehung lag den Ursulinen am Herzen. Die Ordensschwestern vermittelten den angehenden Kindergärtnerinnen Konsequenz, aber auch Autorität in Maßen. Nach dem Examen im August 1948 folgte für die Erzieherinnen ein Anerkennungsjahr, in dem sie ihr theoretisches Wissen unter Beweis stellen konnten. Die meisten der damaligen Schülerinnen haben sich auch nach der Schule vollends der Kindererziehung gewidmet. Teilweise übernahmen sie später sogar die Leitung von Kindergärten. Auch Mathilde Krämer war jahrelang Leiterin eines Kindergartens in Leverkusen. Von ihrer Ausbildung bei den Ursulinen hat sie viel mitgenommen, doch in Sachen Pädagogik bildete sie sich später in Fortbildungen weiter. "Mit der Zeit war der autoritäre Erziehungsstil nicht mehr erwünscht. Die Erziehung ist mit den Jahren freier geworden", erklärt Mathilde Krämer. Bei den jährlichen Treffen werden Anekdötchen ausgetauscht, Bilder der Kinder und Enkelkinder herum gereicht und über die neuesten Ereignisse berichtet. Elisabeth Meiser organisiert das Klassentreffen jedes Jahr aufs Neue. Mittlerweile hat es sie in die Niederlande zu ihrer Tochter verschlagen. Auch die meisten ihrer Freundinnen aus der Schulzeit nehmen für das Klassentreffen in Trier einmal im Jahr eine weite Anfahrt auf sich. Sie reisen aus Berlin, Koblenz, Prüm oder Düsseldorf an. Nur noch zwei Damen wohnen in Trier. Unter Hunger, wie in den Jahren ihrer Ausbildung, müssen sie heute nicht mehr leiden. Bei den Klassentreffen stehen jedes Jahr auch Gaumenfreuden ganz oben auf dem Programm. Beim Mittagessen oder Kaffee und Kuchen lässt es sich eben am Besten in den Erinnerungen schwelgen.

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