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Licht und Schatten - Pest oder Cholera

Licht und Schatten - Pest oder Cholera

Für mehr als 2000 Menschen benötigt die Stadt Trier ein neues Wohngebiet. Im Streit über den besseren Standort gibt es nun zumindest eine Klarheit: Naturschützer lehnen Mariahof ebenso ab wie den Bereich zwischen Euren und Zewen.

Trier. Brubacher Hof oder Langenberg zwischen Euren und Zewen? Welches dieser beiden gut 20 Hektar Nettobaufläche großen Gebiete soll in den Flächennutzungsplan (FNP) 2030 aufgenommen werden. Auch nach der dritten öffentlichen Diskussionsveranstaltung bleiben Fragen offen (TV vom Freitag). Die Stadtverwaltung hatte dazu Experten aus den Bereichen Wohnungsbau, Wirtschaft und Verkehr, Umweltschutz und Landwirtschaft eingeladen.In der von TV-Redakteur Marcus Hormes moderierten fast dreistündigen Veranstaltung wurde noch einmal deutlich, welche Aspekte für die Entscheidung die wichtigsten Rollen spielen werden, auch wenn nur wenige Menschen aus Euren und Zewen an diesem Abend den Weg in die Europäische Rechtsakademie gefunden hatten.Bedarf: Eines der beiden Gebiete muss für eine Wohnbebauung in den kommenden zwei Jahrzehnten reserviert werden. Das steht für Baudezernent Ludwig und seine Mitarbeiter des Stadtplanungsamts außer Zweifel. "Trier gilt als Schwarmstadt", verdeutlichte die für den FNP zuständige Heike Defourny. "Für allem für junge Familien gibt es ein zu geringes Angebot." Im neuen Flächennutzungsplan wird für eine Stadt mit 112 000 Einwohnern geplant. Offiziell leben in Trier derzeit 115 000 Menschen. Wegen der eingerechneten Flüchtlinge in den Aufnahmeeinrichtungen ist das allerdings ein statistischer Wert. In Abstimmung mit dem Land werden im FNP 2030 162 Hektar neue Wohnbaufläche im Stadtgebiet definiert. 51 Hektar sind Baulandreserven. 111,5 Hektar müssen neu ausgewiesen werden. Neben diversen kleineren Erweiterungsflächen und dem unstrittigen Bereich Zentenbüsch bei Ruwer wird entweder Brubacher Hof oder Langenberg benötigt, um diesen Gesamtbedarf zu decken. Die Notwendigkeit bestätigt auch Bauexperte Harald Knobloch (Landesbausparkasse): "Die Nachfrage steigt stetig. Aber leider gibt es keine privaten Bauplätze in der Stadt."Naturschutz: Baudezernent Ludwig will sich erst Anfang Februar für eines der Gebiete entscheiden und dem Stadtrat vorschlagen. "Wo Licht ist, ist auch Schatten", umschreibt er das grundsätzliche Problem. Zumindest der Blick auf den Naturschutz macht ihm die Entscheidung nicht leichter. "Das ist Pest oder Cholera", sagt Frank Huckert, Vorsitzender des Naturschutzbeirats der Stadt Trier, der gemeinsam mit seinem Stellvertreter Hans Reichert auf dem Podium sitzt. "Wir können keinem der beiden Bereiche zustimmen."Landwirtschaft: Auch die Landwirtschaft ist ein noch nicht geklärter Streitpunkt. Peter Weber, Vorsitzender des Bauern- und Winzerverbandes Trier, wettert grundsätzlich dagegen, landwirtschaftliche Fläche für neue Wohnbebauung zu opfern. Existenzielle Sorgen treiben aber vor allem Uwe Bösen um, dessen Betrieb bei einem Baugebiet Langenberg 40 Prozent seiner Baumzuchtflächen verlieren würde. Die Stadt kann derzeit keinen Ersatz anbieten. Für die Landwirte bei Mariahof sieht die Stadt dagegen Lösungsmöglichkeiten. Ingo Hennen, Sprecher der Bürgerinitiative "Gegen den Landfraß", zeigt sich dennoch unversöhnlich und erhält dafür an diesem Abend reichlich Applaus aus der Schar der knapp 100 Besucher. Verkehr: Doch nicht nur die Menschen aus Mariahof und Heiligkreuz befürchten erheblich mehr Verkehrsbelastung durch ein neues Wohngebiet. Eurens Ortsvorsteher Hans-Alwin Schmitz glaubt nicht, dass die Menschen in seinem Stadtteil die aus Sicht der Planer notwendige bis zu zehn Meter hohe Bahnüberbrückung mit langen Auf- und Abfahrrampen hinnehmen würden. Für Heiligkreuz fordert Ortsvorsteher Theo Wolber einen Ausgleich, der über aktiven und passiven Lärmschutz an den Verbindungsstraßen hinausgeht, falls sich der Rat für Mariahof entscheidet. Der für Verkehr zuständige IHK-Referent Wilfried Ebel und HWK-Geschäftsführer Matthias Schwalbach warnen davor, erneut auf der Höhe zu bauen, bevor das Verkehrsproblem gelöst ist. Die Antwort von Baudezernent Ludwig dazu ist eindeutig: "Egal ob Mariahof oder Langenberg kommt, der Verkehr muss davor geregelt werden."So geht es weiter: Zu einem klaren Bekenntnis für ein Gebiet kann Moderator Marcus Hormes am Ende einer lebhaften und zeitweise von Polemik geprägten Diskussion die Podiumsgäste nicht bewegen. "Da sind für beide Bereiche noch Dinge zu klären", trifft Matthias Schwalbach die Stimmung. Im Februar soll der Stadtrat entscheiden. Dann wird der Flächennutzungsplan erneut öffentlich ausgelegt. Meinung

St. Florian ist kein guter RatgeberManche Diskussionen sind nur schwer auszuhalten. Das gilt vor allem für jene Wortmeldungen und Meinungsbekundungen, bei denen ausschließlich mit Blick auf Eigeninteressen jeder Kompromiss abgelehnt wird. Beim Ringen um den Standort für das noch dringend benötigte Wohngebiet feiert das Sankt-Florian-Prinzip fröhliche Urstände. Es ist im Zweifelsfall eben einfacher, die Gutachten, Prognosen und Abwägungen der Stadtverwaltungen grundsätzlich infrage zu stellen. Baudezernent Andreas Ludwig ist gut beraten, wenn er sich davon nicht beeindrucken lässt. Er wird am Ende die schwierige Entscheidung treffen müssen, welche der beiden Projektflächen er dem Stadtrat Anfang Februar für eine Zustimmung empfehlen kann. Bis dahin müssen vor allem noch einmal alle Fakten zu Verkehr, Naturschutz und Gewerbe abgewogen werden. Optimal ist weder Langenberg noch Brubacher Hof. Trotz aller Proteste senkt sich die Waagschale aber auf der Seite des Höhenstadtteils. r.neubert@volksfreund.de