Los geht's, auf die Barrikaden!

Trier · Wenn die Mittelschicht bröckelt und auch sonst so einiges schiefläuft in der Gesellschaft, was bleibt dann noch? Revolte! Genau das ist der Titel des neuen Programms, mit dem der Kölner Robert Griess in der Tufa Trier eine Glanzleistung kompromisslosen Politkabaretts hingelegt hat.

Trier. Tyrannensturz in der arabischen Welt, Wutbürger in Stuttgart, Occupy-Bewegung von New York bis nach Frankfurt - alles schwache Zuckungen findet Unterschicht-Vater Stapper, in ihm brennt das Feuer der großen Revolte. Und damit steckt er beim gemeinsamen Hüten des Nachwuchses auf dem Spielplatz auch seine Kumpels an: den von Latte-Macchiato-Lifestyle, kommerzieller Fernseh-Verblödung und Feng Shui verweichlichten Mittelschicht-Vater Schober und den eher auf Worte als Taten abonnierten Kabarettisten Robert Griess. Denn er kann reichlich überzeugende Gründe auffahren, zum Beispiel die Politik. Sei es die fragwürdige Qualifikation ihres Personals ("Würden Sie zu einem Urologen gehen, der plötzlich als HNO praktiziert?") oder ihre ebenso fragwürdige Aufgabe, "uns über den Tisch zu ziehen und uns in Talkshows zu vermitteln, die dabei entstandene Reibungsenergie sei Nestwärme".
Auch Bildung ist ein Thema, das Stapper auf die Palme treibt, bekommt doch sein Kevin-Fernando stets mehr Fehler angestrichen als Philipp oder Marie-Sophie. "So entscheiden Lehrer: Du gehst Friseuse oder du gehst Afghanistan", wettert Stapper: "Philipps gehen nicht nach Afghanistan, sie lernen auf Waldorff, ihre Gefühle mit Knete auszudrücken."
Mit dem kölschen Macho und Hartz-IV-Empfänger Stapper zeichnet Robert Griess pointiert eine Milieu-Kunstfigur, die ihm die Freiheit bietet, drastisch und unverblümt all jene gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Missstände zu benennen, die eigentlich jeden Bürger aufbringen müssten. Vorausgesetzt, auch das spricht Griess an, seine Mündigkeit und Kritikfähigkeit sind noch nicht eingelullt von Konsum und vom Fernsehen. Letzteres nennt er den Lautsprecher der Dummheit: "Dummheit kennt bekanntlich keine Zweifel."
Unterhaltsames mit Anspruch


Bei dem, was Griess da im Rollenwechsel und mehr als zwei Stunden lang abliefert, vereinen sich alle Tugenden guten, weil anspruchsvollen und unterhaltsamen, Politkabaretts: Fundierte Recherche, genaue Beobachtung, sezierende Analyse und eine künstlerische Umsetzung, die durch Sprachgewandtheit, parodistisches Talent, bissigen Humor und originelle Einfälle glänzt. So lässt er beispielsweise den Urururgroßvater Kevin-Fernandos als französischen Revolutionär von 1789 auftauchen oder gibt witzige Tipps zur Revolte im Alltag. ae