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"Manche hausen wie in Ruinen"

"Manche hausen wie in Ruinen"

Schimmel, keine Heizung, weder Bad noch Dusche: Manche der rund 700 städtischen Wohnungen in Trier sind in erbärmlichem Zustand. Mit einer neuen Trägerform will Bürgermeisterin Angelika Birk dem Sanierungsstau entgegentreten. Dieses Jahr werde die neue Rechtsform beschlossen. Ein Paar in Trier-West freut sich über ein früheres Happy End.

 Guifida und Ramadan Azir zeigen die Medikamente, die sie täglich nehmen müssen. Sie behaupten, der Schimmel in ihrer Wohnung mache sie krank. TV-Foto: Frank Göbel
Guifida und Ramadan Azir zeigen die Medikamente, die sie täglich nehmen müssen. Sie behaupten, der Schimmel in ihrer Wohnung mache sie krank. TV-Foto: Frank Göbel

Trier. Bewohner klagen über Schimmel: Ramadan Azir (55) hustet viel. In der Zwei-Zimmer-Wohnung im Irminenwingert in Trier-West ist es an Sommertagen weitaus kühler als draußen. In der Wohnung, in der er mit seiner Frau Guifida (65) lebt, gibt es keine Heizung. Einen Ofen könne er nicht aufstellen, klagt Azir und kramt Atteste zwischen den akribisch aufbewahrten Dokumenten hervor. Mehrfach hat ihm sein Hausarzt bescheinigt, dass Heizen mit Holz, Kohleofen oder einem offenen Kamin nicht empfehlenswert sei. Die Azirs kämpfen mit einer kleinen Elektroheizung gegen die tückische Kälte. Die Folge: horrende Stromkosten. Rund 2500 Euro laut der zurückliegenden Jahresabrechnung. Ramadan Azir glaubt, dass er wegen Schimmels in der Wohnung hustet und auch seine Frau deshalb krank ist. Er zeigt auf Platten, die auf die Wände aufgetragen wurden. Sie verdeckten nur den Schimmel, behauptet er.
In der Nachbarschaft der Azirs lebt Maximilian Nuszkobsi (50). Er kennt Probleme mit Schimmel. "Hier war alles voll davon. Das ging über auf die Möbel, und der Boden war so faul, dass ich beinahe in den Keller durchgebrochen wäre", sagt er. Seine 56-Quadratmeter-Wohnung wurde saniert. "Aber das ging nur, weil ich viel Druck gemacht habe."

Stadtteilpolitiker schalten sich ein: Linde Andersen, stellvertretende Ortsvorsteherin in Trier-West, ist immer wieder mit den teils desolaten Zuständen konfrontiert. "Ich bekomme sogar anonyme Schreiben, weil die Leute Angst haben, etwas zu sagen", erzählt die Kommunalpolitikerin (Die Linke). "Sie fürchten, dass sie dann ausziehen müssen und auf der Straße landen."
Dass Andersen kein Blatt vor den Mund nimmt und öffentlich von menschenunwürdigen und krankmachenden Umständen spricht, hat sich herumgesprochen. Bis nach Heiligkreuz. Die Bewohnerin einer städtischen Wohnung dort wandte sich an Andersen. Die wiederum kontaktierte Elisabeth Ruschel (CDU), ehemals Ortsvorsteherin in Heiligkreuz, und fand eine Mitstreiterin. "70 Jahre nach Kriegsende haben wir immer noch Häuser, die einer Ruine gleichen und in denen Menschen regelrecht hausen", beklagt Ruschel.
Verwaltung: "Schimmel ist ein kompliziertes Thema." Verwaltet werden die städtischen Wohnungen von der Wohnungsbaugesellschaft GBT, an der die Stadt einen Minderheitenanteil hält. GBT-Sprecher Stefan Ahrling sagt, alle Mieter der 700 Sozialwohnungen seien aufgefordert worden, Schimmel zu melden. 33 Rückmeldungen gingen daraufhin ein, wie Gabi Schmitt vom städtischen Wohnungsamt berichtet. Die zuständige Bürgermeisterin Angelika Birk (Grüne) versichert: "Egal, welche Schäden gemeldet werden, wir werden sofort tätig und geben den Auftrag an die GBT." Ausziehen müsse niemand, wenn er einen Mangel melde, betont sie. Schimmel sei jedoch ein kompliziertes Thema, seine Ursachen oft eine Mischung aus falschem Lüften und schlechter baulicher Substanz.

Neues Konzept soll Probleme lösen: Die Stadt will ihre sanierungsbedürftigen Wohnungen nicht verkaufen, um zu garantieren, dass auch die versorgt werden, die sich auf dem Markt nicht versorgen können, wie Birk sagt. Sie will den Problemen mit einem "Wohnraumversorgungskonzept" Herr werden. Dessen Kernpunkt: die Schaffung eines städtischen Unternehmens. Das solle den Sanierungsstau von meist vier Jahrzehnten abarbeiten und dennoch die Mieten niedrig halten. Vorgesehen sei, dass es nach wenigen Jahren wirtschaftlich unabhängig vom städtischen Haushalt auf eigenen Füßen stehen könne, sagt die Bürgermeisterin. Möglich werde dies, weil der Träger laut Konzept keine Gewinne erzielen dürfe, sondern die Einnahmen in die laufende Instandhaltung und Modernisierung der Wohnungen reinvestieren müsse.

Umsetzung zieht sich hin: Planungen, die städtischen Wohnungen in eine andere Rechtsform zu überführen, gibt es schon lange (der TV berichtete). "Das zieht sich zugegebenermaßen länger hin als vorgesehen", sagt die grüne Sozialdezernentin. "Zunächst wurden die knapp 700 Wohnungen von Architekten begangen und im Hinblick auf mögliche Sanierungsmöglichkeiten und deren Kosten geprüft und kalkuliert." Gleichzeitig seien verschiedene Rechtsformen für die künftige Trägerschaft erarbeitet und Fachgutachten erstellt worden. Mit anderen Dezernaten und außerstädtischen Behörden abzustimmende Genehmigungsverfahren hätten sich teilweise über ein Jahr hingezogen. Zudem habe das Land im vergangenen Jahr neue Förderrichtlinien bekanntgegeben. "Wir mussten abwarten, mit welchen Finanzierungsmöglichkeiten die neue Gesellschaft rechnen kann", sagt Birk. Derzeit erarbeite die Verwaltung eine Satzung für die neue Trägerschaft und erstelle einen Wirtschaftsplan für sieben Jahre. Nach ersten Kostenschätzungen sei von einem Aufwand "im zweistelligen Millionenbereich" auszugehen. Innerhalb von sieben Jahren nach Gründung der Gesellschaft sollten die städtischen Wohnungen Schritt für Schritt saniert werden. Aktuell werden laut Birk im Irminenwingert rund 160 000 Euro in die Instandhaltung investiert.

Ehepaar freut sich über Happy End: Über ein schnelles und glückliches Ende freuen sich derweil die Azirs. Nachdem der TV die Stadt auf den Fall angesprochen hatte, teilte Sprecher Ralf Frühauf mit: "Bürgermeisterin Birk hat entschieden, dass Familie Azir demnächst in eine Wohnung mit Heizung ziehen kann." Als der TV dem Ehepaar diese Nachricht überbringt, strahlen beide. Ramadan Azir reckt beide Daumen nach oben und sagt immer wieder: "Gut! gut!"