"Marxist" durch und durch

TRIER. Er sieht aus wie eine Mischung aus Stadtpatron Petrus und Karl Marx: Aloys Matthias Ludes ist eine feste Größe im Trierer Stadtbild und ein echtes Original. Heute feiert "dän Alwis" seinen 80. Geburtstag.

War das ein Fest! Als die Friedrich-Ebert-Stiftung am 9. Juni 2005 nach mehrmonatiger Umbaupause mit großem Tamtam das Karl-Marx-Haus wieder eröffnete, hat Aloys Matthias Ludes den Stargästen des Festakts in den Viehmarktthermen fast die Schau gestohlen. Klar: Vor den Fernsehkameras machte der alte Mann mit dem schlohweißen wallenden Haar mehr her als Müntefering, Beck und Anke Fuchs. Er flimmerte als "Karl-Marx-Double" über die Mattscheiben und schaffte es auch auf die TV-Titelseite.Fromm, aber nicht immer pflegeleicht

Medienrummel zu erzeugen, sei nicht seine Absicht gewesen, versichert Ludes, geehrt habe er ihn dennoch. Und vor den Viehmarkt-Thermen sei er bewusst aufgekreuzt: "Ich bin Fan von Karl Marx." Gleiches gilt für den anderen berühmten Trierer namens Marx, den er lachend gar als seinen "besten Freund" bezeichnet: Bischof Reinhard. Aloys Matthias Ludes, kurz "dän Alwis", hat ein fest gefügtes Weltbild, in dem Politik, vor allem aber der christliche Glaube zentrale Rollen einnehmen. Ohne Gottvertrauen wäre er wohl längst an der Welt verzweifelt. Jahrelange Auseinandersetzungen mit Angehörigen, die ihn "arg befehdet" und beinahe "zugrunde gerichtet" hätten, haben den in Dörbach (heute Ortsteil von Salmtal, Kreis Bernkastel-Wittlich) aufgewachsenen Spross einer bäuerlichen Familie dazu gebracht, so zu leben, wie er es tut: "Als freier, mündiger, selbstständiger und unabhängiger Mensch". Und das in Demut und Bescheidenheit. Das einzige, was aus der "ungünstig verlaufenen" Vergangenheit heute noch zählt, sei, dass das Gericht ihm Recht gegeben und seine Entmündigung wieder aufgehoben habe. Bitterkeit? Nach kurzem Überlegen kommt ihm ein knappes "Nein!" über die Lippen, doch seine Miene hellt sich auf, als er von dem erzählt, was ihm heute wichtig sei. Vor sieben Jahren hat "Alwis" seinen Wohnsitz von Bernkastel-Kues nach Trier verlegt, wo er ohnehin schon längst zum Stadtbild gehörte. Seinen Eltern ist er heute noch dankbar, dass er im Herz-Jesu-Krankenhaus zur Welt kam und sich deshalb als "waschechten gebürtigen Trierer" bezeichnen darf. Auf der Weismark hat er eine kleine Wohnung, "mit Fernsehgerät und Rundfunkapparat" wie er stolz berichtet. Die aber kommen meist erst am Abend zum Einsatz. Tagsüber ist der Frühaufsteher auf Achse. Erste Anlaufstelle: das Kürenzer Kloster Bethanien. Auf die Benediktinerinnen "ist Verlass"; von ihnen bekommt er mehrmals die Woche eine warme Mahlzeit. Anschließend geht es in die Altstadt. Er trifft Bekannte, unterhält sich mit ihnen über Gott und Welt. Zu den Lieblingsorten des frommen Ludes, der im Heiligen Aloysius Gonzaga (1568-1591) und Apostel Matthias gleich "zwei himmlische Patrone" hat, zählen die Kirchen, allen voran der Dom. In St. Mattias sieht man ihn nur noch selten. Er sei dort "nicht mehr so willkommen", sinniert er wohl wissend, dass er ab und zu auch nicht so ganz pflegeleicht ist. In Kneipen zieht es "dän Aloys" ebenfalls nicht mehr. Früher saß er oft abends im Astarix, heute ist er lieber daheim, wenn es draußen dunkel wird. Das sei sicherer. Auch wenn mit dem Alter der Aktionsradius kleiner geworden ist - eines hat sich nicht geändert: Schnorren oder Almosen erbetteln ist nicht seine Sache. Den Tee oder das Teilchen, das ihm gelegentlich im Cafe Neyses ("mein weltlicher Lieblingsplatz") spendiert wird, nimmt er aber dankbar an. Heute wird Aloys Matthias Ludes 80. Die "Feier" fällt entsprechend seinem unkonventionellen Naturell aus: "Ich gehe in den Dom und danke dem lieben Gott." Sich selbst wünscht er für die Zukunft das, was er jedem wünscht, der es gut mit ihm meint und ihn so akzeptiert, wie er ist: "Glück, Gesundheit und Gottes Segen."