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Mehr als 100 Zuschauer diskutieren hitzig, aber fair, beim TV-Forum zur Tankstelle Ostallee in der Tufa.

Trier : Ein spätes Bier am Ort des Horrors

Wenige Tage vor dem Bürgerentscheid um die Zukunft der Tankstelle in der Ostallee treffen sich vier Experten und mehr als 100 Zuschauer zum harten, aber jederzeit fairen Schlagabtausch in der Tufa.

Tufa-Chefin Teneka Beckers klingt ein wenig nervös. „Draußen stehen Leute und schimpfen mit uns, weil wir sie nicht mehr reinlassen dürfen.“ Es ist kurz vor 20 Uhr, der kleine Saal der Tufa ist in der Tat bereits komplett voll mit Menschen, die auf den Beginn des Diskussionsforums zur Zukunft der Tankstelle in der Ostallee und zum Bürgerentscheid am kommenden Sonntag warten. Eingeladen haben der Verein Baukultur Trier, dessen Vorsitzender Hans-Jürgen Stein die heiße Diskussion eröffnet, und der Trierische Volksfreund mit Moderator Rainer Neubert. Mehr als 100 Zuschauer dürfen in den kleinen Saal nicht hinein, das schreibt der Brandschutz vor. Das Problem wird dennoch gelöst: Per Leinwand überträgt die Tufa das Geschehen ins nebenan liegende Textorium.

Ob im Saal selbst oder im Textorium — wie sich schnell herausstellt, lohnt es sich sehr, dieses Forum zu verfolgen. Sowohl die vier Experten auf dem Podium als auch die Zuschauer diskutieren zwei Stunden lang hart, aber fair, und bieten dabei eine riesige Masse an Fakten und Meinungen und auch einen hohen Unterhaltungswert.

Für diesen sorgt, kombiniert  mit einer enormen Fachkompetenz, vor allem Matthias Sieveke. Der Professor für Konstruktion und Gebäudetechnologie an der Hochschule Trier steht als klarer Gegner der Tankstelle auf dem Podium und vertritt diese Position mit großer Leidenschaft. „Blaue Lagune ist ein unglaublich unpassender Name für einen solch schrecklichen Un-Ort“, ruft er in den Saal. Man hätte ihn auch ohne Mikrofon gut verstanden. „Immer wenn ich an dieser Tankstelle vorbeifahre, spüre ich Aggression. Diesen Ort des Horrors wollt ihr  wirklich erhalten? Ich fasse es nicht.“

Lothar Schmitz betreibt die Aral-Tankstelle in der Ostallee als Pächter seit 24 Jahren.  Der ruhig und zurückhaltend wirkende Mann stand bisher noch nie im Mittelpunkt der seit Jahren und Jahrzehnten laufenden politischen Diskussion um die Tankstelle, aber an diesem Abend stellt er sich im grellen Scheinwerferlicht dem Publikum. „Ich beschäftige fünf Angestellte und fünf Aushilfen“, sagt Schmitz. „Wir haben lange nach einem anderen  Standort für die Tankstelle gesucht, aber alle Gesprächsversuche mit der Stadt wurden abgeblockt.“

Seine Haupteinnahmequelle, das gibt Schmitz sofort zu, sei sein Shop. „Eine Tankstelle ohne Kiosk würde in Trier nie funktionieren, ebenso wenig wie ein Kiosk ohne Tankstelle.“ Dennoch gebe es zwischen 22 und 6 Uhr keinen harten Alkohol. „Aber es gibt viele Menschen, die beispielsweise für Zustelldienste arbeiten oder in der Gastronomie tätig sind und froh sind, nachts etwas einzukaufen oder ein spätes Bier trinken zu können.“

Dieser Vorwurf geht auch in Richtung des Baudezernenten Andreas Ludwig (CDU), der ebenfalls auf dem Podium steht und zum Team der Tankstellengegner gehört. „Sie, Herr Ludwig, haben uns wissen lassen, dass Sie keinen Gesprächsbedarf sehen, solange der Stadtrat seine Beschlusslage nicht ändert.“ Die Ratsmehrheit hat Mitte März beschlossen, den Pachtvertrag der Tankstelle nicht mehr zu verlängern (der TV berichtete mehrmals).

Hier kommt auch Markus Römer ins Spiel. Er hat dieses Votum des Stadtrats nicht akzeptiert, sondern die Initiative zur weiteren Verlängerung des Pachtvertrags gestartet und schließlich den Bürgerentscheid erreicht. Römer hat laut eigener Aussage keinerlei professionelle Verbindungen zur Tankstelle oder dem Ölversorger BP, was ihm manche Zuschauer nicht glauben wollen.

„Die Argumente der Tankstellengegner haben uns bis heute nicht überzeugt“, sagt Römer. „Es gibt kein tragfähiges Konzept für den Grünstreifen in der Ostallee. Unser Ziel ist die Verlängerung des Pachtvertrags und damit das Weiterbestehen eines funktionierenden Wirtschaftsbetriebs, der seine Pacht an die Stadt Trier zahlt.“

Auch Baudezernent Ludwig ist in Form. „Ich habe doch überhaupt nichts gegen die Pachteinnahmen durch die Tankstelle, aus ihnen wird mein Gehalt bezahlt“, sagt er mit nicht weniger Überzeugung als Sieveke. „Aber lasst uns doch einen neuen Ort suchen. In der Ostallee ist die Tankstelle grottenfalsch.“

Das Gegenargument, die Stadt habe doch noch gar kein Konzept und keinen Entwicklungsplan für die Ostallee, bringt Ludwig leicht in Rage. „Dieses Konzept gibt es doch: Grünzug und Radweg“, ruft er. „Wir haben noch keinen Entwicklungsplan, aber den haben wir in kürzester Zeit.“

Das Publikum ist wild darauf, in die Diskussion einzugreifen. Alex Rollinger meldet sich zu Wort. „Solange täglich Zehntausende Autos durch die Ostallee rollen, werde ich mich dort nicht hinsetzen und ein Picknick machen.“ Nicht nur Matthias Sieveke („Ein paar Sonnenschirme, dazu Riesling ausschenken, und die Leute sind entspannt“) will das so nicht stehenlassen. Edith Ross spricht für viele: „Mir ist es wichtig, was aus unserer Stadt wird. Der Alleenring ist sehr wichtig für die Stadt, eine Tankstelle gehört da einfach nicht hin.“ Auch die in der Tuchfabrik  stark vertretenen Radfahrer greifen ein. „Täglich fahre ich an der Tankstelle vorbei“, sagt eine junge Frau. „Wissen Sie eigentlich, wie gefährlich das ist?“

Die Diskussion wurde ins Textorium übertragen. So konnten auch die Zuschauer, die keinen Platz mehr im Saal fanden, die Argumentation verfolgen.   Foto: Friedemann Vetter

Sowohl Römer als auch Ludwig betonen, das Votum  am 10. Dezember akzeptieren zu wollen. Hans-Jürgen Stein vom Verein Baukultur hat es am Beginn des Abends betont: „Die Stadt gehört den Bürgern.“