Mehrschichtige Drucksachen

Es ist nicht die glatte Oberfläche, die Anja Streese interessiert. Es sind die Brüche, die Sprünge, die Schichten auf der Leinwand, von der jede ihre Spuren hinterlässt und den Grund für die nächste bildet. Die 39-jährige Künstlerin stellt rund 50 Ergebnisse ihrer Arbeit in Siebdruck-Technik bis zum 26. August im Café Steipe aus.

Trier. Obwohl die Siebdruck-Technik verlangt, einen Plan im Kopf zu haben, wie das fertige Bild aussehen soll, welche Farben wann, wo und wie auf die Leinwand kommen, sind es doch auch die Zufälligkeiten im Arbeitsprozess, die Anja Streese gerne integriert. "Die Bilder leben. Und mit dem Siebdruck zu arbeiten, ist mehr, als Denken an der Oberfläche", sagt die 39-jährige Künstlerin. "Es ist enorm, wie ein Bild arbeitet." Von sich heraus. Und durch das Experimentieren. "Man muss versuchen, wie die Farben aufeinander reagieren. Ich verstehe Siebdruck so, dass man sich durchbeißen muss, mit dem Bild wachsen muss."

Vermeintliche Fehler begreift Anja Streese nicht als solche, sondern als Puzzle-Teile, die sich während des Schaffensprozesses mit der Bildgestaltung zum Ganzen zusammenfügen können. Allerdings arbeitet sie manchmal monatelang an einem Bild, braucht etliche Versuche, bis sie sich mit dem Ergebnis zufrieden gibt - wäscht die aufgedruckten Schichten wieder von der Leinwand ab, beginnt von neuem. "Siebdruck ist in dem Punkt nicht so spontan wie Malerei." Dafür macht der Überraschungs-Effekt, das Ergebnis erst, nachdem sie das belichtete Sieb nach dem Druck von der Leinwand entfernt hat, betrachten zu können, den Reiz der Technik für sie aus.

In Anja Streeses Bildern arbeiten die Schichten aufeinander. Nicht nur die gedruckten. Denn die Künstlerin bedient sich mit Vorliebe anderer Versatzstücke, wie Stadtpläne, Zeitungsausschnitte, Tapeten oder Textpassagen, die sie auf die Leinwand aufbringt, die sie als Druckgrund, als gestaltendes Element und zur Verdichtung der Bildsprache gleichermaßen verwendet. Aus ihrem Urlaub im Big Apple ist sie mit einigen Ausgaben der Zeitung "New York Times" im Gepäck heimgekehrt, mit Fotos von Stadtansichten, die sie unter anderem vom Empire State Building aufgenommen hat. Zum Teil als Schnappschüsse, zum Teil bereits mit dem Gedanken, später zu Hause ein Kunstwerk daraus zu schaffen. Eine Rom-Reise hat ihren Blick für die Architektur noch einmal geschult. Nachdem sie 2006 im Rahmen der Aktion Frankenturm der Trier-Gesellschaft den mittelalterlichen Turmbau in der Dietrichstraße als eines der ersten Trier-Motive und Architektur-Themen für ihre Arbeit entdeckt hatte und eine limitierte Auflage von Siebdrucken in vier verschiedenen Farben angefertigt hatte, wollte sie weiter auf architektonischer und historischer Spurensuche durch Trier ziehen.

Entstanden ist seit dieser Initialzündung eine Reihe von Trier-Motiven, die sich aus Impressionen der Steipe, der Kaiserthermen, von Porta Nigra, Igeler Säule oder Konstantin-Basilika zusammensetzen und mit Grundriss-Plänen, Aufriss-Zeichnungen oder Lexikon-Artikeln kombiniert sind. Auch ihren Wohnsitz hat die 39-Jährige von Kenn nach Trier verlegt. "Ich habe mich auf beiden Ebenen an Trier rangepirscht", sagt sie. "Kunst ist weich, rund, wie ein schöner Wein, den ich genießen kann. Hier bin ich zu Hause, das vermittelt Kunst mir", sagt Streese. Und bildet den willkommenen Gegenpart zu ihrer von Zahlen und wirtschaftlichem Denken geprägten Arbeit bei einem großen amerikanischen Getränke-Konzern. In ihr Atelier zu kommen, das sie im September 2007 zusammen mit Künstler-Kollegin Lydia Oermann im "Kunsthaus Alte Druckerei" im Trierer Paulinviertel bezogen hat, vermittelt ihr ein Gefühl von "Entspannen können und Runterkommen". Die Entwicklung, die Streese seit ihren ersten Kursen in Acrylmalerei 2001 und in Siebdruck 2002 in der Europäischen Kunstakademie genommen hat, ist an ihren Bildern ablesbar. "Als ich den Siebdruck richtig erfahren habe, habe ich erst Andy Warhols Bilder und seine Technik richtig verstanden", sagt Streese. Obwohl sie ihn als Vorbild betrachtet, hat sie ihren eigenen Stil gefunden. Aus Bildern mit wenigen immanenten Dimensionen sind mehrschichtige Drucksachen geworden, die auf handwerklicher und kreativer Ebene überzeugen.