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Meinung : Die Minderheit geht auf die Straße, die Mehrheit ins Impfzentrum

Warum es 10:1 für die Impfbefürworter steht und womit sich die Corona-Demonstranten abfinden müssen.

Die Menschen haben Corona satt, und sie sind der staatlichen Beschränkungen müde. Das ist verständlich. Doch die meisten Menschen protestieren nicht dagegen, indem sie unangemeldet auf die Straße gehen. Nein! Sie demonstrieren ihre Solidarität bei den Hausärzten und in den Impfzentren, wo sie sich ihr Vakzin abholen. In diesem Sinn erlebt Deutschland seit Monaten eine Massenabstimmung durch Hinhalten der Oberarme.

Auf rund 50 Menschen, die am Montag unangemeldet in Trier demonstriert haben, kommen am selben Tag 529 Impflinge, die teils lange vor der Tuchfabrik auf ihren Pieks warten mussten. Am „ersten Tag des Impfens ohne Termin zwischen den Jahren“ verkündet die Stadt Trier: „Das ist Rekord.“ Auch der Saarburger Bürgermeister, Jürgen Dixius, weist darauf hin, dass auf die 120 Corona-Demonstranten am Montag weit mehr als 1000 Impflinge kommen, die innerhalb weniger Tage in Saarburg ihre Spritze bekommen haben. Auch wenn Zehntausende deutschlandweit protestieren, sind es rund eine Million täglich, die sich impfen lassen. Das Verhältnis von 10:1 für die Impfbefürworter geht angesichts der lauten Minderheit oft unter.

Und die Minderheit ist in der Tat so laut, dass sich ihr Anteil an der gesellschaftlichen Debatte übermäßig aufbläht. Sie schafft es durch Provokationen, die Aufmerksamkeit hochzuhalten. Impfunwillige Eltern schieben bei den Protesten dazu sogar ihre Kinder vor. Deshalb musste beispielsweise am Sonntag in Schweinfurt ein vierjähriges Kind behandelt werden. Die Mutter hat sich laut Polizei daran beteiligt, eine Absperrung zu durchbrechen. Daraufhin haben die Beamten Pfefferspray eingesetzt, das Kind hat etwas abbekommen. Die Demonstranten schildern das Geschehen – wie immer in solchen Fällen – etwas anders. Die Bösen sind in ihrer Version die Polizisten. Doch spielt das eine Rolle? Nein!

Denn Protestieren ist okay – da sind sich alle einig. In einer funktionierenden und wehrhaften Demokratie gehört es seit vielen Jahrzehnten dazu, bei Demonstrationen die Polizei und andere Staatsorgane bis zu einem gewissen Maß zu provozieren. Das muss der Staat dulden und verkraften – und das tut er auch. Doch sollte man sein Kind mitnehmen? Ein vierjähriges Kind, das gewiss nicht in der Lage ist, für sich selbst zu entscheiden, ob es vielleicht eine Impfung möchte? Nein. Die Mutter, die ihr Kind mitnimmt, ist selbst verantwortlich, wenn ihm etwas zustößt. 

Hinzu kommt die oft fehlende Distanz der Veranstalter der Proteste zu fragwürdigen Positionen. Distanz zu Antisemitismus beispielsweise. Denn Plakate, welche eine Impfpflicht mit dem Holocaust gleichsetzen – wie zuletzt in Trier geschehen, sind nicht nur moralisch fragwürdig, sondern wahrscheinlich auch strafrechtlich relevant. Davon muss sich jeder offensiv distanzieren, der nicht in die „rechte Ecke“ gestellt werden möchte.

Die Kritik an Impfungen und die persönliche Entscheidung gegen den Pieks ist hingegen gar nicht politisch. Sie basiert jedoch auf individuellen Freiheitsrechten, die in Deutschland politisch erkämpft wurden. Und genau so sollte sie auch behandelt werden. Das heißt: Es ist in Ordnung, sich nicht impfen zu lassen. Allerdings gilt dann: Das Wohl der Mehrheit der Menschen, die nicht auf die Straße, sondern ins Impfzentrum gehen, steht höher als das der Minderheit, die montags „spazieren“ will.

c.kremer@volksfreund.de