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Mildes Urteil trotz vieler Vorstrafen: Bewährung für 20-Jährigen nach Raub und Körperverletzung

Mildes Urteil trotz vieler Vorstrafen: Bewährung für 20-Jährigen nach Raub und Körperverletzung

Zu einem Jahr und vier Monaten Freiheitsstrafe hat das Amtsgericht Trier einen 20-Jährigen verurteilt, der trotz einer noch laufenden Bewährungfrist in Trier geraubt, geschlagen und gestohlen hatte. Bei einer neuen Strafe ohne Bewährung hätte dem jungen Serben die Ausweisung gedroht.

Die Liste der Vorstrafen, die der junge Angeklagte D. vorweisen kann, geht querbeet durchs Strafgesetzbuch: Raub, Körperverletzung, Drogenbesitz und -handel, Vergewaltigung, Diebstahl, Vandalismus, Landfriedensbruch - und vieles zu wiederholten Mal. Er steht nach seiner letzten Verurteilung noch unter Bewährung, als er am 19. Januar 2013 in der Trierer Windstraße einen zufällig daherkommenden Passanten schlägt, Zigaretten verlangt und ihm das Handy raubt. Einige Tage später erwischt es ohne jeden Grund einen 16-Jährigen in Schweich, der Platzwunden erleidet. Hinzu kommen drei Diebstähle und Grafitischmierereien an der Trierer Basilika.

Nun sitzt der geständige D. vor dem Trierer Schöffengericht und erklärt, dass er nach 14 Wochen Therapie die Hände von Drogen und Alkohol lasse - "nur noch ein Bierchen hin und wieder" - und er endlich alles unter Kontrolle habe. Er lebt nun in Bad Kreuznach, zurück nach Trier und in seine alten Kreise will er nicht, weil "dann alles von vorne losgeht". Er kann auch einen Arbeitsvertrag als Lagerarbeiter vorweisen und er hat eine deutsche Freundin, die mit zum Prozesstermin erschienen ist.

Ein Serbe, geboren in Prüm

Insgesamt eine positive Entwicklung. Die aber wäre gestoppt, wenn man den serbischen Staatsangehörigen nun zu einer Strafe ohne Bewährung verurteilen würde. Die Folge: Abschiebung nach Serbien. Dazu D.: "Ich kann kein Wort Serbisch. Und wegen meiner albanischen Abstammung hätte ich dort sowieso ganz schlechte Karten."

D. wurde 1993 in Prüm als Kind einer Flüchtlingsfamilie geboren. Der Vater wanderte wegen sexuellen Missbrauchs ins Gefängnis, die Mutter verlor das Sorgerecht. So wuchs er ausschließlich in Heimen auf, wobei sich das Thema "Drogen und Alkohol" wie ein roter Faden durch die Biografie zieht. Er hat den Hauptschulabschluss, spricht gewandt und akzentfrei deutsch, hat aber eine Schreinerlehre kurz vor den Abschluss geschmissen - mal wieder wegen der Drogen. Nun sitzen drei Juristen, zwei Laienrichter und eine Bewährungshelferin da und versuchen, die Trümmer zusammenzukehren.

Sonderregel genutzt

Staatsanwältin Ina Dirion-Gerdes zieht am Ende eine Negativbilanz und beantragt unter Einbeziehung der noch nicht abgegoltenen Vorstrafen (geplatzte Bewährung) drei Jahre und vier Monate Haft. Das würde das Ende für den Lageristen D. in Deutschland bedeuten. Verteidiger Michael Küppers spricht hingegen von einem "therapierten Menschen mit guten Aussichten". Er empfiehlt eine Sonderregelung des Jugendstrafrechts, die bei positiven Aussichten des Angeklagten trotz einer vorausgegangenen, aber nicht abgegoltenen Strafe erneut eine Bewährung ermöglicht.

Dem folgt nach kurzer Beratung das Gericht, als es eine dreijährige Bewährungszeit zugesteht. "Dafür sprechen drastische Erziehungsgründe", sagt Vorsitzende Marion Patzak. Der Angeklagte habe Arbeit gesucht und gefunden und eine Beziehung aufgebaut - also genau das gemacht, was man von Leuten in der Bewährung erwarte.Extra: Bewährung

Definition: Die Bewährung ist ein vom Gericht zu bemessender Zeitraum, in dem ein Verurteilter das in ihn gesetzte Vertrauen rechtfertigen muss. Die Bewährung ist kein Ersatz für eine Freiheitsstrafe, sondern die verhängte Strafe wird lediglich nicht vollstreckt. Der Verurteilte erhält Gelegenheit, in einem festgelegten Zeitraum zu beweisen, dass er keine weiteren Straftaten mehr begeht. Wird er in diesem Zeitraum rückfällig, droht die Vollstreckung.

Voraussetzung: Es können nur Freiheitsstrafen mit einer Dauer bis zu zwei Jahren ausgesetzt werden - längerfristige Strafen nicht.

Auflagen: In der Regel ist die Bewährung mit Auflagen verbunden. Im Falle des verurteilten D. Sind das regelmäßige Teilnahmen an Suchtberatungsterminen, regelmäßige Drogenkontrollen und laufender Kontakt mit der Bewährungshelferin. f.k.