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Missbrauchsprozess wird zum Grabenkampf

Missbrauchsprozess wird zum Grabenkampf

Das Landgericht Trier hat das Verfahren gegen einen 67-Jährigen fortgesetzt, dem sexueller Missbrauch zweier Pflegetöchter vorgeworfen wird.

Trier Aussage gegen Aussage steht es auch nach vier Verhandlungstagen: Da sind zwei erwachsene junge Frauen, die erklären, ihr Pflegevater habe sie als Kinder über Jahre sexuell missbraucht. Dieser Mann sitzt nun als Angeklagter vor der Ersten Großen Jugendkammer des Landgerichts und beteuert seit Prozessauftakt, er sei unschuldig und Opfer einer Verleumdung. Ihm zur Seite stehen seine Frau, ehemals Pflegemutter der Mädchen, und die weiteren ehemaligen Pflegekinder des Paares. Dazu zählt auch der leibliche Bruder der beiden Ex-Pflegetöchter, der selbst als Pflegesohn in dem Haus gelebt hatte.
Am jüngsten Verhandlungstag wird der heute eigenständige 20-Jährige als Zeuge vernommen. Das damalige Zusammenleben im Haus des Angeklagten schildert er als normales Familienleben mit dem "manchmal üblichen Stress wie überall". Weniger gut weg kommen die beiden Schwestern: Seine Zwillingsschwester sei "immer zickiger" geworden - "vielleicht war's die Pubertät ..." Und die ältere Schwester habe "die Pflegeeltern belogen, betrogen und beklaut" und ihn sogar mal zum Ladendiebstahl verleitet. Außerdem "war sie gut im Geschichtenerzählen, die sich dann meist als unwahr herausgestellt haben". Der Bruder weiter: "Als mir meine Zwillingsschwester dann 2013 sagte, unser Pflegevater habe sie angepackt, bin ich gleich an die Decke gegangen." Sie solle aufpassen, was sie da rede - oder ob sie die Familie kaputtmachen wolle? Allerdings habe sie es strikt abgelehnt, mit den Pflegeeltern oder dem Jugendamt darüber zu sprechen. Ihr Auszug in eine Jugendeinrichtung sei dann von "null auf jetzt" gekommen.
Auch der leibliche Vater der Kinder kommt wieder ins Spiel: Sie alle hatten den Kontakt zu ihm abgebrochen, weil er "den ganzen Tag auf dem Sofa lag und Bier trank". Widersprüchlich ist das spätere Aussageverhalten des Bruders vor der Polizei. "Da war ich 16 und erklärte, dass die Schwester mir nie etwas gesagt habe. Ich wollte die Familie schützen", sagt er heute als Zeuge. Doch Vorsitzender Günther Köhler hält ihm das damalige Vernehmungsprotokoll mit seiner Aussage vor. Und darin steht, die Schwester habe ihm gegenüber angegeben, vom Pflegevater missbraucht worden zu sein. Der Zeuge schwächt ab: "Diese Angaben stammen aus einer Schreierei zwischen der Schwester und mir. Wir hatten Streit wegen der Hausarbeit, da hat sie das wohl dazwischengebrüllt."
Der junge Mann wird unvereidigt entlassen und macht Platz für den leiblichen Vater der drei Geschwister. Es hatte wegen der ausbleibenden Besuche seiner Kinder zwischen ihm und den Pflegeeltern etwas geknirscht. Aber nach ihrem Auszug bei den Pflegeeltern besuchten ihn die beiden Töchter wieder regelmäßig.
Holt er nun zum Schlag gegen den Angeklagten aus? Doch es kommt anders. Der Vater: "Erst bei einem Besuch in der neuen Unterbringung hat mir die Jüngere von sexuellem Missbrauch erzählt. ,Was, du auch? ', habe dann die Ältere gemeint." Er gebe zu, dass er die Geschichten zunächst geglaubt habe - aber das sei vorbei, sagt der Zeuge und holt richtig aus: "Meine Töchter haben mit ihren Lügengeschichten meine zweite Ehe kaputt gemacht." Sie hätten unter anderem verbreitet, er würde in den Puff gehen und hätte zig Nebenfrauen. Der Zeuge: "Die haben es geschafft, dass wir nun getrennt wohnen und unsere beiden kleinen Töchter bei meiner Frau leben." Was er daraus schließe, will Richter Köhler wissen. Antwort: "Dass die Geschichten, die meine Töchter über den Angeklagten verbreiten, genauso gelogen sind."
Die Verhandlung wird nach zwei Kurzterminen am 17. August fortgesetzt.