Mit dem Rad auf Spurensuche in Nord und West

Trier · Was sind die Kennzeichen für benachteiligte Wohnquartiere? Welche Möglichkeiten gibt es, die über Jahrzehnte verfestigten Strukturen zu ändern? Soziologen aus ganz Deutschland haben sich auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen mit dem Rad auf eine 19 Kilometer lange Tour durch Trier begeben. Im Zentrum des Interesses: Trier-Nord und Trier-West.

Trier. Fast 2000 Wissenschaftler haben beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie Trier kennengelernt. Einen besonders tiefen Einblick ermöglichten die Professoren Rüdiger Jacob und Waldemar Vogelgesang den 50 Teilnehmern an zwei besonderen Fahrradexkursionen. Sie zeugen von dem Verständnis von Soziologie an der Universität Trier. Laut Vogelgesang soll diese Wissenschaft die Wirklichkeit nicht nur beschreiben, sondern auch erklären. "Wir wollen dazu beitragen, Dinge zu verändern."Die These: Nach dem Krieg wurden in Trier-West und Trier-Nord Flüchtlinge und Obdachlose einquartiert. Diese strukturelle Ballung sozialer Benachteiligung hat beide Stadtteile geprägt. "Abwertung und Ausgrenzung erfolgt stärker aufgrund von Vorurteilen gegenüber Wohngebieten als durch wahre Lebensumstände", ist Waldemar Vogelgesang überzeugt. "Hinter verwahrlosten Fassaden vermutet man verwahrloste Menschen." Kann Trier-West von den inzwischen sichtbaren Veränderungen in Trier-Nord lernen und profitieren? Antworten auf diese Frage suchten die Teilnehmer der Fahrrad exkursion. Trier-Nord: Belege für die Veränderungsprozesse in Trier-Nord fanden die Wissenschaftler leicht: die Wohnungen der Genossenschaft am Beutelweg (Wogebe), das Bürgerhaus und ein Baustellenareal in der Thyrsusstraße, auf dem 21 Mieteinheiten eines nachbarschaftlichen Wohnprojekts entstehen, in das auch Menschen aus anderen Stadtteilen einziehen werden. Das sind Beispiele für den positiven Umbruch, auf den auch Stadtteilmanagerin Maria Ohlig stolz ist. "Es gibt natürlich immer noch einen Kernbereich, in dem Sozialarbeiter unverzichtbar sind. Aber anders als zu Beginn des Genossenschaftsprojekts vor 20 Jahren funktionieren zum Beispiel die Mietzahlungen inzwischen richtig gut." Die Mietausstände in Kombination mit dem Kauf von 250 maroden städtischen Häusern sowie ehemals militärischer Gebäude hatte die Wohnungsgenossenschaft Wogebe vor neun Jahren in eine wirtschaftliche Schieflage gebracht, die mit Hilfe von Stadt, Land und Banken überwunden wurde. "Nur schöne Wohnungen genügen nicht", sagt Maria Ohlig. "Es muss auch eine soziale Infrastruktur geschaffen werden. Auf kurzfristige Erfolge darf man dabei nicht zu sehr schauen." Als Beleg für den Erfolg des seit dem Jahr 2000 durch das Förderprogramm Soziale Stadt unterstützte Konzept für das Quartier Nord sieht die Stadtteilmanagerin auch den deutlichen Rückgang der Sozialhilfeempfänger von 755 (21,1 Prozent) im Jahr 2008 auf aktuell 492 (15 Prozent) im Programmgebiet Soziale Stadt. Ohlig: "Wichtig ist ein Akteur, der ein Konzept hat und kontinuierlich vor Ort aktiv ist."Trier-West: Diesen Akteur gibt es auch in Trier-West. Es sind sogar zwei: der Caritasverband und die Don-Bosco-Bruderschaft. Beide sorgen sich bereits seit 50 Jahren um die Menschen im Stadtteil. Und auch Trier-West hat eine agile Stadtteilmanagerin: Renate Heineck ist bei der Caritas angestellt und spricht die Sprache der Menschen im Quartier. Anders als in Trier-Nord, wo sich die Wogebe seit 1991 mit Unterstützung der Universität um die Verbesserung des Wohnraums kümmert, begann in Trier-West die Veränderung der Wohnverhältnisse erst vor zehn Jahren durch die Aufnahme in das Programm Soziale Stadt. Der Veränderungsprozess, der aus dem stigmatisierten Stadtteil auf der linken Seite der Mosel ein positiv bewertetes Wohnquartier machen soll, hat erst begonnen. Sichtbare Zeichen dafür gibt es allerdings bereits, wie Renate Heineck in der eigens für den Soziologie-Kongress veröffentlichten Sonderausgabe des Stadtteilmagazins Überbrücken dokumentiert. So präsentiert sich die Siedlung Im Schankenbungert nach der umfassenden Sanierung als attraktive Straße mit hohem Wohnwert. Wie in Trier-Nord waren daran eine Genossenschaft und die Bewohner selbst beteiligt.Nun eröffnet das Versprechen von Bund und Land, die Entwicklung des Stadtteils in den kommenden zehn bis zwölf Jahren mit bis zu 25 Millionen Euro zu fördern (der TV berichtete) neue Hoffnung. "Nach dem großen Engagement der Menschen 2009 bei der Bürgerplanungswerkstatt Gneisenaubering Trier-West und dem daraus entstandenen Masterplan Trier-West ist nicht viel passiert", sagt Renate Heineck. "Die Menschen hier sind über die jahrelange Planung mürbe und müde geworden." Das Fazit: Die Soziologen Rüdiger Jacob und Waldemar Vogelgesang sind dennoch optimistisch, dass sich Trier-West in den kommenden zehn Jahren stark verändern wird, sofern grundsätzliche Rahmenbedingungen vorhanden sind (siehe Extra "Rezepte") - wie es in Trier-Nord der Fall ist. Eines dürfe sich aber auf keinen Fall verändern: "Die Kurfürst-Balduin-Realschule muss in Trier-West bleiben." Meinung

Rezepte gegen ArmutGibt es Rezepte gegen Armut und Stigmatisierung? Nein. Aber es gibt unverzichtbare Rahmenbedingungen, um Dinge zu verändern. Die wichtigste Erkenntnis dabei: Ohne aktive Beteiligung der Menschen im Stadtteil geht es nicht. Diese mitzunehmen und dafür zu begeistern, ihr Lebensumfeld mitzugestalten, ist eine Aufgabe, die viel Zeit und Energie braucht. Sie braucht aber auch die Bereitschaft der Menschen in den anderen Quartieren der Stadt, ihre Vorurteile zu überdenken. Marode Fassaden stehen eben nicht automatisch für verwahrloste Menschen. Die Wirklichkeit ist komplizierter. Und ein Stadtteil ist nicht gleichzusetzen mit sozialen Brennpunkten. Zeit und ein nachhaltiges Konzept sind Voraussetzungen für Veränderungen. In Trier-Nord hat es mehr als 20 Jahre gedauert, bis auch in den Köpfen aus einst verrufenen Wohnquartieren durchaus attraktive Stadtbezirke geworden sind. Auch in Trier-West könnte das passieren. r.neubert@volksfreund.deExtra

In der neueren Forschung zu den Trierer Stadtteilen werden die Eckpunkte deutlich, die für benachteiligte Wohnquartiere stehen. Dabei rückt Trier-West in vielen Bereichen in den Mittelpunkt der Betrachtung. So sind im Stadtreport 2010 Straßenzustand, Häuser, Grünflächen und Lärmbelästigung im Stadtteil Trier-West/Pallien am schlechtesten bewertet. Die Bevölkerungsentwicklung geht dort seit 1980 um mehr als 20 Prozent zurück. Niedriges Bildungsniveau, hoher Zigarettenkonsum und geringes Interesse an Politik werden von den Sozialwissenschaftlern ebenfalls als Indikatoren für soziale Benachteiligung gesehen. Der ausgeprägte Wunsch nach projektbezogenen Beteiligungsmöglichkeiten ist allerdings vorhanden. Die Soziologen der Universität Trier beschreiben sechs "Rezepte" gegen Verarmung: Bildungschancen und Bildungsbeteiligung steigern (Schulen im Stadtteil) Unterstützung bei beruflicher Qualifizierung und Beschäftigung. Wohnortnahe Prävention und Intervention (aufsuchende Sozialarbeit; strukturelle Benachteiligungen minimieren) Vernetzung von Unterstützungsprojekten (Trierer Bündnis "Aktiv gegen Armut") Sensibilisierung der Öffentlichkeit (Aktionstag gegen Armut) Neue Formen lebensweltbezogener Beteiligung. r.n.