Mit Jugendlichen in den Krieg

Mit Jugendlichen in den Krieg

TRIER. Sie sind damals 3, 10 oder 19 Jahre alt gewesen, haben Panzer gespürt und Tote gesehen. Sie haben ihre Väter verloren oder wurden verfolgt. Sie haben Nächte im Bunker oder Jahre im Gefangenenlager verbracht. Jetzt waren die Zeitzeugen auf Initiative der Landeszentrale für politische Bildung in der Katholischen Akademie und haben geredet.

Der alte Mann hat Tränen in den Augen. Er erzählt gern spannende Geschichten von weinenden Kameraden auf harten Pritschen in russischer Gefangenschaft. Er singt Lieder von der Heimat, die die Nazis geschrieben haben, "so raffiniert patriotisch und christlich, dass ein kleiner Bauernjunge wie ich das angenommen hat". Wann ihm klar wurde, dass alles ein Fehler war? Wann ihm klar wurde, dass er umsonst in Italien gekämpft hat, "wo im Bomben- und Granatenhagel bald keine Maus mehr lebte", wie er sagt? Die Jungen und Mädchen aus zwei zehnten Klassen des Max-Planck-Gymnasiums sitzen ganz still. Sie sind fast so alt wie Anton Willems damals, bevor er am Ende der Kämpfe in Tschechien verhaftet wurde und für fünf Jahre in russischen Lagern verschwand. "In der Gefangenschaft", sagt er. "Mein Gott noch mal", sagt er und fasst sich an den Kopf mit dem wenigen Haar und dem breiten weißen Schnurrbart. Ein eifriger Nazijunge sei er gewesen, obwohl er aus einer christlichen Familie gekommen sei. Er blickt zu Boden. Der Vater habe manchmal geweint, als die KZ-Häftlinge aus Hinzert die Wasserleitung bei ihnen in Pellingen hätten bauen müssen, geprügelt und geschunden. Erst Jahre später am Bahnhof, als letzter Spätheimkehrer des Ortes, habe er endlich geflüstert "Du hattest Recht". Ihm bricht die Stimme. Drei Stockwerke tiefer erinnert sich Johanna Wenzel in einer großen Runde von mehr als dreißig Schülern des Konzer Gymnasiums an ihren Krieg - in dem die Nachbarn plötzlich zu Feinden wurden. Wenn sie von ihrer Mutter spricht, fangen ihre Worte leicht an zu vibrieren: "Jetzt kommt jemand und nimmt sie mit", habe sie immer wieder gedacht, wenn es an der Tür klopfte. Johanna Wenzels Mutter war Jüdin. Eines Tages kamen sie. "Wir hatten keine Ahnung, was mit den Leuten geschieht", erzählt die 78-Jährige über all die jüdischen Familien, die um sie herum abtransportiert wurden und nie wieder kamen. Johanna Wenzels Mutter kam wieder. Auch sie selbst und ihre Brüder haben überlebt. Aber der Hass einstiger Freunde hat unheilbare Wunden gerissen. "Die Gespinste der Nazis sind nicht tot", erzählt die kleine weißhaarige Frau, deshalb sei sie heute hier. Für einige sei sie noch immer der "halbe Jude" von damals. "Sehr berührend", findet Janina Janssen vom Gymnasium in Konz, "die Begegnung mit Frau Wenzel": "Wir treffen hier die letzten, die übrig sind, die uns zeigen, was kein Geschichtsbuch zeigen kann." Von den Großeltern wisse die 17-Jährige, wie schmerzhaft Gespräche sein könnten. Den ganzen Tag nehmen sechs Zeitzeugen die 160 Schüler vom Trierer Max-Planck-Gymnasium, dem Göttenbach-Gymnasium in Idar-Oberstein, den Gymnasien in Konz und Traben Trarbach mit auf den Pfaden ihrer Erinnerung.Gedichte auf Fetzen von Zementtüten

Erzählen vom Panzerdonnern und Leben ohne Vater in Konz-Krettnach. Von der Flucht aus Wasserliesch neben den deutschen Soldaten und der Rückkehr im März '45 an den überrollten Westwall. Von der Befreiung in Luxemburg, als der Vater längst von Hinzert aus in den Tod getrieben war. Von Kampf und Verwundung als 16-Jähriger Luftwaffenhelfer. Die Jugendlichen hören zu, fragen wenig. "Enttäuschung und Schmerz trafen noch tiefer ins Herz, haben noch manches Auge mit Tränen gefüllt", sagt der junge Soldat von einst auf. Anton Willems hat viele Gedichte in Russland auf Fetzen von Zementtüten stenographiert - als er begriff.