Geschichte: Mit Lederbällen, auf Wiesen, ohne Trainer

Geschichte : Mit Lederbällen, auf Wiesen, ohne Trainer

Klaus Becker beschreibt in seinem Vortrag beim Vereinsjubiläum des SV Eintracht Irsch, wie der Vereinssport den Zweiten Weltkrieg überlebte. Dabei war ein großes Maß an Eigenregie gefragt.

(red) Der Zweite Weltkrieg bedeutete für viele Sportvereine deutliche Einschnitte. Bis hin zum Verbot der Vereine wurde ihnen erschwert, dem eigentlichen Vereinszweck nachzugehen.  Klaus Becker, langjähriges Mitglied des SV Eintracht Irsch 1928, referierte im Rahmen des 90-jährigen Bestehens des Vereines über dieses Thema. Er hatte zuvor die ältesten Vereinsmitglieder, die zwischen 85 und 92 Jahre alt sind, befragt.

Becker erklärt, wie die Vereinsmitglieder in dieser Zeit den Gegebenheiten trotzten und unter welchen Entbehrungen die Sportler damals ein blühendes Vereinsleben schufen. Einen Auszug aus seinem Vortrag druckt der TV ab:

Eigentlich gab es zwei Ereignisse, die mit der Entstehung des Vereins zu tun haben. Die erste Begebenheit fand am 28. Mai 1928 statt. Damals gründeten 20 Männer den DJK (Deutsche Jugendkraft) Irsch. Man schloss sich also einem katholischen Sportverband an. Der erste Vorsitzende war der damalige Irscher Volksschullehrer Josef Wagner. Ab 1933 wurde es in Deutschland ungemütlich. Die Nazis verboten die DJK in ganz Deutschland wegen „staatsfeindlich anzusehenden Quertreibereien“ und die Vereinsvermögen wurden konfisziert, in Irsch waren das 30 Reichsmark. Ab 1935 wurde der Spielbetrieb immer stärker eingeschränkt und von 1939 bis 1947 ganz eingestellt.

Nach dem Krieg gab es schon bald einen Neuanfang. Georg Moser, besser bekannt als Moser Schorsch, lud bereits am 16. August 1946 zu einer ersten Zusammenkunft ein. Und am 15. Februar 1947 fand die zweite Gründungsversammlung statt.

Und damit möchte ich Ihnen ein wenig über die Beschaffenheit früherer Sportplätze berichten. Es waren schlicht und einfach Wiesen, die durch das ständige Bespielen auf den stark frequentierten Stellen kahl wurden und so zu einer Kombination von Wiesen- und Hartplatz wurden. Während die Außenstürmer über Gras und Maulwurfshügel laufen konnten, mussten die Mittelstürmer über einen betonähnlichen nackten Boden rennen, der sich oft von Tor zu Tor über die Länge des Spielfeldes hinzog. Das waren dann noch die besseren Plätze. Musste man auch noch durch Löcher und Kaulen stolpern oder mit Schräglagen kämpfen, nannte man das „Rummelkaulen“ (Runkelrübenkaulen).

Mangels Platzwart richtete man den Platz selbst her. Man besorgte sich einen Krompernsack mit Sägemehl und streute die Linien direkt aus dem Sack oder aus der Hand. Die Linien waren damit den allgemeinen Platzverhältnissen angepasst: krumm und buckelig!

Problematisch war es 1947/48 auch, sich Fußbälle zu beschaffen. Die ersten Bälle finanzierte man durch den Verkauf von Eiern, Butter und Schinken. Bälle waren damals aus rustikalem Leder mit einer Gummiblase. Diese wurde durch einen Schlitz in den Ball eingeführt, der mit einem kräftigen Lederriemen verschnürt wurde. An dieser Stelle blieb ein kleiner „Hubbel”, der beim Kopfball oft zu blutigen Verletzungen führte, besonders dann, wenn das Leder nass und der Ball schwer wie Blei war.

Schuhe hat man sich selbst gekauft und selbst geflickt. Besonders anfällig waren die Stollen aus Leder, die an der Fußsohle festgenagelt waren. Die Nägel drückten sich während des Spielens allmählich durch die Sohle und der Besitzer holte sich öfters blutige Füße.

Trikots besorgte zwar der Verein, aber die Mütter oder Frauen der Spieler mussten sich jeden Montag am Waschbrett abmühen, Dreck und Flecken wieder raus zu waschen.

Das „Duschen“ fand meist im Freien statt: Ein vorbei laufender Bach oder ein/zwei Bütten mit kaltem Wasser im Hof des Vereinslokals mussten reichen. Eine der ersten Duschen installierte Anfang der 60er Jahre Huaf Karl-Jupp in seiner Brennerei, damals ein Ereignis!

Zu den Auswärtsspielen fuhr man anfangs noch mit dem Fahrrad (zum Beispiel bis nach Krettnach) ohne Gangschaltung; und dann war man noch konditionell in der Lage, ein komplettes Fußballspiel zu bestreiten und wieder nach Hause zu radeln, was bei einem Sieg natürlich leichter fiel. Später fuhr man mit den ersten Motorrädern, dann mit ersten Autos, etwa Lastwagen vom Blau Peter, Bus vom Bäcker Alex oder Busunternehmen Hansel aus Saarburg. Für eine Mark durfte man mitfahren. Bei Niederlagen stimmte man beim Einfahren in Irsch schon mal Lieder an, damit die Irscher glauben sollten, man habe gewonnen. Ohne Internet waren solche Späße noch möglich.

Trainer gab es übrigens bis zu den 60er-Jahren nicht. Standardaufstellung war Tormann, zwei Verteidiger, ein Mittelläufer oder Ausputzer, zwei Außenläufer, zwei Halbstürmer, zwei Außenstürmer und ein Mittelstürmer. Die Taktik bestand darin, zu kämpfen und möglichst ein Tor mehr zu schießen als der Gegner. Soviel zu den schwierigen äußeren Bedingungen, unter denen man kurz nach dem Zweiten Weltkrieg dem Fußball wieder auf die Beine half.