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Porträt: Mit YouTube zu mehr Inklusion

Porträt : Mit YouTube zu mehr Inklusion

Lukas Krämer hat eine Behinderung und nutzt YouTube, um Menschen aufzuklären, einzubinden und Missstände kritisch zu betrachten. Am Telefon erzählt er uns, wie er dazu kam.

Wie viele andere Menschen sitzt Lukas Krämer gerade zu Hause in Trier. Von dort aus arbeitet er nicht nur für das Wahlkreisbüro der Grünen-Politikerin Corinna Rüffer, sondern auch an seinem eigenen Youtube-Kanal. Das tun natürlich heutzutage viele Menschen, aber Lukas widmet sich nicht dem Auspacken von Kosmetik-Boxen oder filmt sich selbst beim Zocken. Lukas spricht über ein Thema, das er selbst nur zu gut kennt: Behinderungen.

Seit er in seiner Kindheit eine Hirnhautentzündung hatte, sind seine Nervenbahnen geschädigt. Er hat Probleme mit dem Sprachzentrum, sodass er weder lesen noch schreiben kann. Dank digitaler Hilfsmittel kann sich der aus Thalfang stammende Mann Nachrichten, Kommentare und längere Texte vorlesen lassen und seine Antworten diktieren.

Die Idee zu seinem Youtube-Kanal SakulTalks hat er im Dezember 2016. Seitdem sind hier hunderte Videos erschienen. Lukas beschäftigt sich mit der Situation von Menschen mit Behinderung – besonders auch ihr Arbeitseinsatz in Behindertenwerkstätten.

Dort wird nämlich ein sehr geringer Lohn gezahlt, oft bekommen die Arbeiter und Arbeiterinnen gerade einmal 200 Euro im Monat. Um zum Beispiel auf solche Missstände kritisch aufmerksam zu machen, veröffentlicht Lukas einmal pro Woche etwa ein Video.

Für seinen Kanal führt er auch Interviews mit Menschen, die ganz unterschiedliche Behinderungen haben. Die erzählen darin, wie sie mit ihren Beeinträchtigungen leben, was für Wünsche sie haben oder was sie ärgert.

Auch mit Menschen ohne Behinderung spricht er über den Umgang mit Beeinträchtigungen und viele weitere Dinge. Seit er für Corinna Rüffer arbeitet, macht er auch Videos von Veranstaltungen der Behindertenbeauftragten der Grünen.

Durch Zufall lernte er Rüffer kennen. „Sie hat mich nach Berlin zu einer Veranstaltung eingeladen, und ich bin während ihrer Rede eingeschlafen und habe angefangen zu schnarchen“, erzählt Lukas lachend.

Dadurch sei sie auf ihn aufmerksam geworden und habe später ein Interview für seinen Kanal gegeben. Nur wenig später kündigt er seinen Job in der Werkstatt, der neben wenig Lohn auch noch wenig Spaß gebracht habe. Nach seiner Bewerbung bekam er dann die Arbeitsstelle im Wahlkreisbüro in Trier. Und hat immer noch Zeit für seine eigenen Videos.

Eine erste Verbindung zum Thema Film hat Lukas schon mit 15 Jahren. Damals spielt er sich selbst in dem Kurzfilm „London liegt am Nordpol“. „In der Zeit habe ich mich intensiv auch mit mir selbst und meiner Behinderung auseinander gesetzt“, sagt der heute 26-Jährige. Damals entwickelt sich bei ihm der Wunsch, später selbst mit Medien zu arbeiten.

Als sein Youtube-Kanal startet, stellt er zuvor jedenfalls fest, dass es nur wenige Formate gibt, die sich mit Menschen mit Behinderung auseinandersetzen. „Meist waren das nur Fernsehsender, die sich mal damit beschäftigt haben“, sagt Lukas zurückblickend.

„Warum also sollte ich mich nicht selbst um das Thema kümmern?“ So entsteht die Idee. Seine Videos nimmt er alleine auf, schneidet sie selbst mit dem Programm Premiere Pro.

Inspiration für viele seiner Themen findet er im Internet. „Ich möchte etwas zu aktuellen Problemen und Dingen machen, daher freue ich mich auch über Anregungen von Zuschauern.“ Mit den Ideen für seine Videos setze er sich zunächst an die Recherche. Mögliche Interview-Partner schreibe er per Mail an – und von den meisten erhalte er eine positive Antwort.

„Nur wenige antworten gar nicht oder geben mir eine Absage.“ Das schönste Interview war für ihn das mit Mr Wissen2Go. Der Moderator des Youtube-Kanal des Jugendformats Funk der öffentlich-rechtlichen Sender ist der Journalist Mirko Drotschmann und der hat über eine Million Abonnenten. Kein Wunder also, dass es für Lukas eine große Ehre war, den bekannten Youtuber zu interviewen.

Nicht nur solche Möglichkeiten, sondern vor allem der Zuspruch in den Kommentaren unter seinen eigenen Videos lassen Lukas immer weitermachen und regelmäßig weitere Veröffentlichungen posten.

Mit dem Coronavirus hat er sich in zwei Videos beschäftigt. Darin kritisiert er den Umgang der Werkstätten für Behinderte mit dem Thema. Viel mehr möchte er sich mit dem Virus  aktuell auf seinem Kanal nicht auseinandersetzen: „Dazu gibt es schon so viele Videos und gerade hört man ja kaum noch was anderes.“

Zum Glück gebe es noch genügend andere wichtige Themen – und darauf können sich Interessierte jede Woche mindestens einmal auf dem Youtube-Kanal von Lukas Krämer freuen.