Motiv Eifersucht? 51-Jähriger steht wegen versuchten Totschlags vor dem Trierer Landgericht

Prozess : Motiv Eifersucht? 51-Jähriger steht wegen versuchten Totschlags vor dem Trierer Landgericht

Seine Frau soll mit anderen Männern zuviel Kontakt gehabt haben. Nun steht ein 51-Jähriger wegen versuchten Totschlags vor dem Trierer Landgericht.

18 Mal soll der Mann mit einem Messer auf seine Frau eingestochen haben. Doch als die Polizisten am 21. Oktober vergangenen Jahres kurz vor 1 Uhr nachts zur Flüchtlingsunterkunft in der ehemaligen Jägerkaserne in Trier kommen, sehen sie zuerst niemanden, der als Täter infrage kommt.

Eine afghanische Familie steht im Flur. Ein Mann hat ein Kind auf dem Arm. Nebenan in einem Waschraum schreit eine Frau und hält sich den Oberkörper. „Ihr T-Shirt war komplett mit Blut getränkt. Sie zitterte am ganzen Körper“, erinnert sich eine Polizistin, die gestern bei dem Prozess im Trierer Landgericht als Zeugin aussagte.

 Bei dem Einsatz stellt sich für die Polizisten schnell heraus, dass der Mann nebenan mit dem Kind auf dem Arm seine Frau angegriffen haben soll. Dem 51-Jährigen wird vorgeworfen, 18 Mal mit einem 18 Zentimeter langen Küchenmesser auf sie in Brust, Rücken und Bauch eingestochen zu haben. Die Polizisten nehmen A., der Hautabschürfungen an Händen und Unterarmen und offenbar Blutspuren an der Kleidung hat, fest. Sie sind erstaunt, wie ruhig und nüchtern er ist.

Einer der Polizisten wurde schon oft zu ähnlichen Fällen gerufen, doch A. zeigt im Oktober „kein Täterverhalten“. Ein Kollege, der A. zur Polizeidienststelle fuhr, sagt: „Ich hatte das Gefühl, dass er kein Unrechtsbewusstsein hatte, was ihm als Tat vorgeworfen wird.“ Das ist immerhin versuchter Totschlag.

 Im Gericht wirkt A. auf Außenstehende nicht wie ein Mensch, vor dem man Angst haben muss. Der 51-Jährige ist recht klein, hat graues Haar, die Haltung ist leicht nach vorne gebeugt. Die Gesichtszüge sind mild. Er wirkt entspannt neben seinen Anwälten Anja Hartkorn und Christian Hölzer. Staatsanwältin Katrin Schneider-Oberbeck vertritt die Anklage. Im ersten von fünf Sitzungsterminen befragt vor allem Richterin Schmitz den Angeklagten.

 A. wächst im Norden Afghanistans auf. Seine Familie betreibt Landwirtschaft. Er hat acht Brüder und sieben Schwestern. Nach der Schule wird er Offizier in der Armee. Doch nach gut zwei Jahren verliert er seine Stelle wegen „Umwälzungen“ und arbeitet als Händler unter anderem für Lebensmittel.

Ab Mitte der 90er Jahre übernehmen die Taliban die Herrschaft von großen Teilen des Landes und finanzieren sich auch über den Drogenhandel. In der Nordallianz an der Grenze zu Tadschikistan, wo A. herkommt, stoßen die Taliban aber auf Widerstand. A. wird angeworben, um gegen sie zu arbeiten. Verkleidet als Bettler, Derwisch oder Bauer schleust er sich bei Drogenhändlern ein und lässt diese auffliegen.

So erzählt er es am Donnerstag mit Hilfe eines Farsi-Übersetzers der Vorsitzenden Richterin Petra Schmitz sowie ihren Kollegen Gregor Faust und Theresa Hardt. A. macht sich Feinde mit seiner Arbeit, versucht drei Mal nach Europa zu fliehen, wird aber abgeschoben. 2016 klappt es. Mit seiner Frau, deren Bruder und vier Kindern flüchtet er nach Deutschland, wo die Familie ein fünftes Kind bekommt.

 Seitdem lebt die Familie vorwiegend in Flüchtlingsunterkünften. Es ist kein einfaches Leben, aber A. ist offenbar ein genügsamer Mann, hilft, wo er kann, macht einen Deutschkurs und kommt mit allen gut aus. „Ich bin Moslem, aber nicht strenggläubig. Ich achte auch andere Religionen. Man sollte in erster Linie ein guter Mensch sein“, sagt er.

Ab vergangenem Herbst kommt es jedoch zu Streit mit seiner Frau. Nach seiner Auffassung ist sie zu freizügig im Umgang mit anderen Männern. Einer der Söhne erzählt in der Tatnacht einer Polizistin, seine Mutter habe mit jemandem geredet, mit dem sie nicht hätte reden dürfen. A. verbietet seiner Frau, an Sprach- und Sportkursen teilzunehmen. Bei einem Streit zieht sie sich eine Kopfwunde zu, die genäht werden muss.

 Am 20. Oktober trinkt A. mit zwei anderen Männern Tee. Er weint und erzählt, dass es Probleme in der Familie gibt. Er fängt sich wieder und geht zurück in die zwei Zimmer, die die Familie bewohnt. Er wirkt ruhig, erinnern sich Zeugen. Nach 30 bis 45 Minuten kommt A. zurück und sagt wörtlich: „Ich habe meine Frau gestochen.“ Die Nachtwache schaut nach, findet ein Messer auf dem Boden sowie die schwer verletzte Frau und alarmiert die Polizei. 17 der 18 Stiche sind laut Notarzt nur arterielle Verletzungen, ein Stich hat jedoch die Lunge verletzt. Die Frau wird notoperiert und überlebt.

 Zum Polizeikommissar, der A. auf die Dienststelle bringt, sagt er sehr ruhig: „In Afghanistan ein Mann, eine Frau und nicht zwei Männer und eine Frau. Auch in Deutschland so.“

Der Prozess geht voraussichtlich bis zum 30. April.

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