Multitalent mit sozialer Ader

Multitalent mit sozialer Ader

Ein halbes Jahrhundert war Johann Abts für die SPD im Gemeinderat Welschbillig. Der rüstige 77-Jährige ist aber nicht nur kommunalpolitisch aktiv, er singt, musiziert, jagt, spielt Theater und engagiert sich für den Schutz der Umwelt.

Welschbillig. Vermutlich wäre es einfacher, an dieser Stelle die Dinge aufzuzählen, die Johann Abts in seinem Leben noch nicht gemacht hat. Denn der Welschbilliger, Jahrgang 1933, ist ein umtriebiger Mann mit vielen Talenten und einer ausgeprägten sozialen Ader. Seine ehrenamtlichen Tätigkeiten füllen eine eng beschriebene Din-A4-Seite: 50 Jahre Gemeinderat Welschbillig, bis zur Verwaltungsreform 1969 Mitglied im Rat des alten Amtes Welschbillig, von 1979 mit Unterbrechungen bis zum heutigen Tag Mitglied im Verbandsgemeinderat Trier-Land, Beigeordneter, Mitglied zahlreicher Ausschüsse, Kreistagsmitglied. Daneben war oder ist Abts Umweltbeauftragter, ehrenamtlicher Richter, Bachpate, Hegeringleiter, Ehrenmitglied in Sportverein und Männergesangverein, Gründer der Kylltalbläser, Jagdhornbläser im Jägerchor Sülm, und, und, und.

Heute vergeht kaum ein Tag, an dem sich der passionierte Jäger nicht im Wald aufhält: "Viel frische Luft und wenig Fernsehen, das hält fit", sagt der 77-Jährige, der noch mit 50 in der Altherren-Fußballmannschaft kickte. Auch die zwei Enkel und vier Urenkel nehmen den Opa in Beschlag. Abts hatte als Erzieher im Don-Bosco-Stift Helenenberg, in dem schon sein Vater arbeitete, viel mit Jugendlichen zu tun. "Das hat einen jung gehalten", sagt er.

Nach Feierabend begann dann für Abts die "Spätschicht" in der eigenen Kneipe: Hinterm Zapfhahn löste er seine Frau Irmgard ab. Schließlich sei es dann aber zu zeitaufwendig geworden und 1994, nach elf Jahren, wurde die Wirtschaft geschlossen und der Raum an die Post vermietet.

"Alles war weniger bürokratisch"



Abts hatte zunächst Schreiner in Ittel gelernt. Doch ein Arbeitsunfall, bei dem ihm zwei Finger der linken Hand abgetrennt wurden, führte zur Umschulung als Erzieher; die Mittlere Reife und die Fachoberschule holte er nach.

Seit im Beisein des Trierer Abgeordneten Karl Haehser am 1. Oktober 1960 in Welschbillig der SPD-Ortsverein gegründet wurde, ist Johann Abts Mitglied bei den Sozialdemokraten. Der Entschluss, Politik mitzugestalten und demokratische Strukturen aufzubauen, reifte bei ihm durch Erzählungen über das Unrechtsregime der Nazis, die er als Jugendlicher aufschnappte. So berichteten die Erwachsenen auch über die Deportation der 16 Juden, die in Welschbillig lebten und von denen keiner aus den Konzentrationslagern zurückkehrte.

In der Nachkriegszeit galten SPD-Leute in der tiefschwarzen Eifel noch als Exoten. Selbst bevor 1969 Willy Brandt zum Bundeskanzler gewählt wurde, erinnert sich Abts, habe der Pfarrer noch von der Kanzel verkündet, einen nichtehelich Geborenen, der zudem auch noch einen anderen Namen angenommen habe, könne man doch nicht ruhigen Gewissens wählen. Im Welschbilliger Rat sei damals jedoch keine Parteipolitik betrieben worden. "Auch war alles weniger bürokratisch", meint Abts und kramt den zweiseitigen Haushaltsbericht der Gemeinde aus dem Jahr 1964 hervor. Heute umfasse der Etat von Welschbillig 140 Seiten.

Wie kurz damals die Verwaltungswege waren, verdeutlicht Abts gerne mit einer Anekdote über den von ihm hoch geschätzten Karl Haehser: Nachdem 1960 der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Peter Altmeier (CDU) stolz verkündet habe, keine Gemeinde im Land sei mehr ohne Wasseranschluss, habe er Karl Haehser nach Welschbillig-Träg gelotst, wo es noch kein fließend Wasser gab. Abts: "Zwei Tage später hatte Amtsbürgermeister Müller einen Anruf aus Mainz, und fünf Monate später lagen die Wasserleitungen in Träg "

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