Muss ich hier jemanden grüßen?

Muss ich hier jemanden grüßen?

TRIER. Wenn er auf einer Hochzeitsfeier oder einem Empfang ist, kriegt er die Krise: Wen sollte er grüßen? Joachim, Mitte 30, kann sich Gesichter nicht merken. Tausende Menschen in Deutschland sind wie er von Prosopagnosie betroffen.

"Wenn ich Leute einmal gesehen habe und sie kommen wieder auf mich zu - dann kann ich sie nochmal kennen lernen", lacht Joachim, Jurist, aus Trier. "Nach einem kurzen Kontakt kann ich mir die Gesichter einfach nicht merken!" Oft ist ihm allerdings nicht zum Lachen zumute mit seinem Problem: "In einem Seminar frage ich mich immer: Habe ich hier jemanden schon mal gesehen? Ist das hier jetzt der, mit dem ich mich den ganzen Abend lang gut unterhalten habe?" Oft gerät er dadurch in peinliche Situationen, hält sich zurück, spricht nur über Unverfängliches. Auch Martina Grüter stellte vor einigen Jahren fest: Ihr Mann Thomas ist nicht in der Lage, sich Gesichter zu merken - er ist "gesichtsblind". Sie begann, Forschungen anzustellen, schrieb schließlich ihre Doktorarbeit über "Prosopagnosie" - die "Gesichtsblindheit". Der Begriff stammt vom griechischen "Prosopon", das Gesicht, und "Agnosis", das Nichterkennen. Grüter untersuchte tausend Schüler und Studierende aus Münster und Umgebung. Ergebnis: Ein bis zwei Prozent waren betroffen, Jungen wie Mädchen. "Diese Schwäche ist nicht heilbar", erklärt sie. Prosopagnosie kann angeboren oder beispielsweise die Folge einer schweren Schädelverletzung sein. Aus der Forschung gibt es Hinweise auf einen Zusammenhang von Prosopagnosie und Hochbegabung: Die Hirnbereiche, die eigentlich als Teil des Sehzentrums der Gesichtserkennung dienten, stünden bei diesen Personen für die Sprachverarbeitung zur Verfügung, sagen Wissenschaftler. "Die Leute outen sich nicht gern - vor allem nicht Mütter ihre Kinder", berichtet Martina Grüter Grüter. "Der Umgang mit der Schwäche ist nicht einfach. Kinder haben beispielsweise Probleme, wenn es um das Einfügen in eine neue Gruppe geht." Bei der Wiedererkennung von Personen müssen sich Prosopagnostiker behelfen: Sie haben häufig Digitalkamera oder Notizbuch dabei und registrieren jedes Detail einer Person: Kleidung, Frisur, Stimme, Gang - und dazu die Wahrscheinlichkeit, ihr zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder zu begegnen. Noch keine Selbsthilfegruppe

Joachim beispielsweise traf einmal in einer Luxemburger Bank den deutschen Botschafter. "Ich konnte mich partout nicht erinnern, ob er das war, mit dem ich mich damals bei der Prüfung für den auswärtigen Dienst unterhalten hatte! Ich habe gerätselt, bis er kam und mich ansprach." Eine betroffene Triererin erzählt von einem ähnlichen Erlebnis: Sie führte ein langes Bewerbungsgespräch, doch als der Vorgesetzte wenige Tage später mit Mantel und Mütze erschien, erkannte sie ihn nicht. "Das war sehr peinlich." Hat sie sich die Gesichter mehrfach eingeprägt, kann sie sie besser behalten: "Jedes Wiedererkennen in der Stadt ist ein Erfolgserlebnis!" Eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Prosopagnosie gibt es bisher nicht, wie Carsten Müller-Meine von der Trierer Selbsthilfe-Kontakt- und Informationsstelle "Sekis" berichtet. Martina Grüter sagt, die Betroffenen müssten lernen, mit ihrer Schwäche zu leben. "Die wenigsten haben extremen Leidensdruck, sie kompensieren das ganz gut."

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