Mut-Tour: Depression. Tandemfahren gegen das Schweigen

Aktion : Depression: Tandemfahren gegen das Schweigen

Mit der bundesweiten Mut-Tour zeigen betroffene und nicht betroffene Teilnehmer, wie wichtig mehr Offenheit im Umgang mit der Krankheit ist. Am Sonntag machten die Sportler Halt in Trier.

Zwei verschiedene Hosenbeine, verdrehte Hosenträger in gelbem Maßband-Design und der Slogan „Lebt ihn, den Mutausbruch“ machen den grauhaarigen Herrn auf dem Stepperbike zum Hingucker. Kichern aus dem Publikum, nebenan unter einem kleinen Zelt sanfte Gitarrenklänge von einer jungen Musikerin. Wer den Trierer Kornmarkt passiert, wird kaum damit rechnen, dass es sich bei dieser Veranstaltung um einen Infostand zum Thema Depression handelt. Erst als sich der schrill gekleidete Herr als „Seelenstylist“ vorstellt, wird deutlich, dass es hier um mehr geht als ein amüsantes Unterhaltungsprogramm am Sonntagnachmittag. „Eine Depression zu haben, ist in Ordnung. Entscheidend ist der Umgang damit“, erklärt er. Das „Kompetenznetz Depression Eifel-Mosel“ klärt daher an einem Infotisch über Hilfs- und Unterstützungsangebote auf und tritt in Dialog mit Betroffenen und Interessierten. Deutlich werden soll vor allem: Depression ist längst kein Tabu-Thema mehr, denn es kann jeden treffen.

„Es gibt immer einen Ausweg aus der Depression“, sagt Bettina Mann, Psychatrie-Koordinatorin der Kommunalen Leitstelle für psychische Gesundheit Trier. Das Kompetenznetz möchte deshalb dazu ermutigen, frühzeitig professionelle Hilfe hinzuzuziehen, um die Krankheit rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Eine Gruppe Tandem- und Fahrradfahrer erreicht den Kornmarkt unter Jubel einiger Passanten. Der Seelenstylist bittet sie zum Interview. In humorvollen kurzen Gesprächen gelingt es ihm, die  Thematik aus unverkrampfter Perspektive zu zeigen. Die Tandemfahrer sind die Stars der heutigen Veranstaltung. Grund für die Infoveranstaltung ist nämlich die Mut-Tour, eine Aktion des Vereins Deutsche DepressionsLiga, die sich 2019 zum achten Mal jährt.

Depressionserfahrene und -unerfahrene Teilnehmer bewegen sich seit dem 15. Juni in sechsköpfigen Etappenteams mit dem Tandem sieben Tage lang durch ganz Deutschland. Unterwegs teilen sie ihre positiven Erfahrungen mit der Öffentlichkeit und tragen so zu einem offeneren Umgang mit dem Thema bei. „Wir haben so viel Gastfreundschaft erfahren und wurden herzlich aufgenommen“, erzählt Teilnehmerin Kim Geißler. Ein besonders gastfreundliches Ehepaar habe seinen Garten als nächtlichen Rastplatz angeboten und die Gruppe sogar zum Frühstück eingeladen. Hinter der Studentin liegen fünf Jahre depressive Episoden. Während dieser Zeit fiel ihr das Aufstehen schwer, sie hatte seelische Schmerzen und alles schien sinnlos. „Ich habe lange versucht, die Symptome woanders zu suchen“, gesteht sie. Nach und nach habe sie jedoch verstanden, dass ihr Zustand auf eine psychische Belastung zurückzuführen sei. Dann kam die Diagnose. Psychotherapie, Unterstützung aus dem Familien- und Freundeskreis und mehrfacher Klinikaufenthalt halfen ihr schließlich raus aus der Depression. Seit ihrem letzten Klinikaufenthalt hatte sie keinen Rückfall mehr.

„Mit der Mut-Tour habe ich das Gefühl, zumindest einen kleinen Beitrag dazu leisten zu können, offen mit dem Thema Depression umzugehen“, sagt sie. Für Betroffene sei es viel einfacher, wenn die Gesellschaft normal mit dem Thema umginge. Auf ihrem Weg nach Trier sei sie mit tollen Menschen ins Gespräch gekommen. Die Mut-Tour ist für sie zur Herzensangelegenheit geworden.

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